
☝️🫵👉 SCHLÖSSER: VOM BRAUHAUS AN ST. LAMBERTUS ZUM DÜSSELDORFER BIER-RIESEN
Kaum eine verschwundene Düsseldorfer Brauerei war so eng mit dem gesellschaftlichen Leben der Stadt verbunden wie Schlösser. Für Generationen war dieser Name weit mehr als eine Biermarke. Schlösser bedeutete Altstadt, Bürgersaal, Karneval, Schützen, Jonges, große Familienfeiern und jene dicht gefüllten Abende, an denen zwischen St. Lambertus und Rhein gefühlt halb Düsseldorf zusammenkam. Und obwohl Schlösser Alt noch heute verkauft wird, ist die eigentliche Düsseldorfer Brauerei längst Geschichte.
Der historisch belastbare Anfang liegt im Jahr 1873. Johann Schlösser hatte zuvor die Hausbrauerei und Wirtschaft „Im Gapstock“ an der Bolkerstraße gepachtet. Dann kaufte er von den Gebrüdern Dautenberg das Haus Altestadt 11 unmittelbar neben St. Lambertus. Dort entstand die Gasthofbrauerei, aus der sich später eines der bedeutendsten Düsseldorfer Brauereiunternehmen entwickeln sollte. Zum Haus gehörte auch eine Mälzerei – Bier und Malz entstanden also zunächst noch in jener klassischen Einheit, wie sie für die alten Hausbrauereien typisch war.
Die Familie Schlösser selbst führte ihre Brautradition noch deutlich weiter zurück. In späteren Firmenchroniken wird auf eine Bäckerfamilie verwiesen, die bereits 1629 in der Altestadt mit dem Brauen verbunden gewesen sein soll. Für unsere Serie müssen wir dabei allerdings sauber unterscheiden: Diese ältere Familientradition ist nicht gleichbedeutend mit einem lückenlos seit 1629 bestehenden Unternehmen. Die Brauerei Schlösser, deren Entwicklung wir historisch nachvollziehen können, beginnt 1873.
Unter Johann Schlösser und später seinem Sohn Joseph wurde das Geschäft schnell größer. Das Bier fand genügend Freunde, dass die ursprüngliche Hausbrauerei nicht mehr ausreichte. Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende kaufte die Familie nach und nach weitere Häuser in der Altestadt hinzu. Aus einem einzelnen Brauhaus entstand schließlich ein ganzer Gebäudekomplex. Die Nummern 3 bis 13 gehörten zeitweise zur Brauerei; 1933 kam auch das Haus Nummer 1 hinzu.
Damit veränderte sich auch die Dimension des Brauens. Schlösser war irgendwann keine kleine Wirtschaft mehr, die nur ihre eigenen Gäste versorgte. Die Brauerei belieferte zahlreiche Gaststätten und entwickelte Schlösser zu einer Marke, die weit über den unmittelbaren Ausschank hinaus bekannt wurde. Trotzdem blieb der Ursprung sichtbar: Das Herz des Unternehmens schlug mitten in der ältesten Düsseldorfer Stadtstruktur, im Schatten des schiefen Turms von St. Lambertus.
Bei den Biersorten zeigt sich ein interessanter Unterschied zu einigen anderen Brauereien unserer Serie. Historische Anzeigen aus den 1950er-Jahren nennen ausdrücklich „Schlösser’s obergäriges Lagerbier“. Später setzte sich die bis heute bekannte Bezeichnung Schlösser Alt durch. Dieses Bier gehört klar zur Düsseldorfer obergärigen Tradition.
Gleichzeitig wurden im Brauereiausschank auch Pilsener und später Export angeboten – doch hier ist die genaue Zuordnung wichtig. Eine Anzeige von 1957 nennt neben Schlösser’s obergärigem Lagerbier ausdrücklich Schwabenbräu Pilsener. 1963 und noch 1971 finden wir im Schlösser-Ausschank zusätzlich STUBS Pils und Export. Diese Sorten gehörten zur Schwabenbräu-Welt und nicht zu einer eigenständigen Schlösser-Pils- oder Schlösser-Export-Linie. Einen historisch sauber belegten eigenen Schlösser-Hellen, Schlösser-Pils oder Schlösser-Bock haben wir bislang nicht gefunden.
Das bedeutet aber keineswegs, dass man in der Brauerei Schlösser ausschließlich Alt trank. Im Gegenteil: Auch hier standen obergäriges Düsseldorfer Bier, Pils und Export selbstverständlich nebeneinander. Nur kamen die verschiedenen Sorten nach der Verbindung mit Schwabenbräu aus unterschiedlichen Markenfamilien. Gerade solche Details zeigen, wie viel komplexer Düsseldorfs frühere Bierlandschaft war als die heutige Gleichung „Düsseldorf gleich Alt“.
Die wirtschaftliche Geschichte von Schlösser wurde ohnehin schon früh eng mit Schwabenbräu verbunden. 1930 schlossen beide Unternehmen einen Gesellschaftsvertrag. Nach dem Tod Joseph Schlössers übernahm Schwabenbräu die Brauerei 1932 vollständig. Der traditionsreiche Name verschwand jedoch nicht. Im Gegenteil: Schlösser war inzwischen viel zu fest mit Düsseldorf verbunden, um einfach ausgetauscht zu werden.
1934 entstand in der Altestadt ein neues Sudhaus. Das Unternehmen modernisierte den Betrieb und versuchte, die alte Hausbrauereitradition mit zeitgemäßer Produktion zu verbinden. Diese Entwicklung wurde wenige Jahre später brutal unterbrochen. Pfingsten 1943 trafen Bomben die Brauerei und den Ausschank. Der Gebäudekomplex wurde weitgehend zerstört.
Die Marke überlebte trotzdem. Während Düsseldorf in Trümmern lag, wurde Schlösser Alt vorübergehend bei der zur Schwabenbräu-Gruppe gehörenden Tivoli-Brauerei in Krefeld produziert. Das Bier konnte also weiter existieren, obwohl sein eigentliches Zuhause nicht mehr stand.
Nach dem Krieg entschied man sich zum Wiederaufbau – und genau hier beginnt jenes Kapitel, an das sich viele ältere Düsseldorfer besonders emotional erinnern. Am 18. November 1955 wurde der neue Brauereiausschank Schlösser eröffnet. Dazu gehörte ein großer Bürgersaal, der sich rasch zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen Räume der Stadt entwickelte.
Dieser Bürgersaal war weit mehr als ein Veranstaltungsraum einer Brauerei. Hier traf sich Düsseldorf.
Karnevalisten feierten Sitzungen, Schützen ihre Feste, Vereine hielten Versammlungen ab, Unternehmen veranstalteten Feiern und die Düsseldorfer Jonges hatten hier über Jahrzehnte ihre Heimat. Bibliothek, Archiv und Vereinsräume der Jonges waren eng mit Schlösser verbunden. Dienstagabend und Schlösser gehörten für viele Düsseldorfer Heimatfreunde fast automatisch zusammen.
Bis zu 500 Menschen konnten in den Sälen Platz finden. Wer alte Anzeigen betrachtet, erkennt sofort, welchen Stellenwert das Haus hatte: „Gemütliche historische Gaststätte“, „sehenswerte Altstädter Bierstuben“, „Konferenz- und Festsäle für 20–500 Personen“ – Schlösser verkaufte längst nicht mehr allein Bier. Die Brauerei verkaufte ein Stück Düsseldorfer Öffentlichkeit.
Parallel dazu entwickelte sich die eigentliche Produktion weiter weg von der romantischen Vorstellung einer Altstadtbrauerei. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre wurden Schwabenbräu und Dieterich-Hoefel im Düsseldorfer Brauerhaus zusammengeführt. Die Produktion konzentrierte sich schließlich auf die große Anlage an der Münsterstraße in Derendorf.
1974 schloss sich gewissermaßen ein Kreis: Der große Betrieb an der Münsterstraße trug wieder den Namen Brauerei Schlösser. Aus der kleinen Gasthofbrauerei neben St. Lambertus war endgültig ein moderner Industriebetrieb geworden.
Das Schlösser Alt dieser Zeit gehörte zu den großen Düsseldorfer Biermarken. Eine Werbung aus den frühen 1970er-Jahren brachte den Anspruch ziemlich selbstbewusst auf den Punkt: „Schlösser Alt hält jung – echt Düsseldorfer Alt“. Flaschen, Kästen, Fassbier, Reklameschilder und Werbung machten die Marke weit über den eigenen Ausschank hinaus sichtbar.
Noch Ende der 1990er-Jahre beschäftigte die Brauerei an der Münsterstraße mehr als 200 Menschen. Die Anlage verfügte über moderne Abfülltechnik, Umwelt- und Qualitätsmanagement und produzierte in einer Größenordnung, die mit der ursprünglichen Hausbrauerei von 1873 nichts mehr gemein hatte. Um die Jahrtausendwende wurden noch rund 240.000 Hektoliter Schlösser Alt im Jahr verkauft.
Doch genau wie bei Gatzweiler, Dieterich-Hoefel, Hirsch und Schwabenbräu setzte sich die Konzentration auf dem deutschen Biermarkt fort. Die Eigentümer wechselten, Konzerne wurden zusammengelegt und Produktionsstandorte überprüft. 2002 fiel schließlich die Entscheidung, die Düsseldorfer Braustätte an der Münsterstraße zu schließen.
Damit endete nach rund 129 Jahren das Brauen von Schlösser Alt in Düsseldorf.
Seitdem wird das Bier in Dortmund hergestellt. Heute gehört die Brauerei Schlösser GmbH zur Radeberger Gruppe und damit zum Oetker-Konzern. Die Gesellschaft selbst hat weiterhin ihren Sitz in Düsseldorf, die Marke wird weiterhin ausdrücklich als Düsseldorfer Altbier geführt – nur der Sud entsteht längst nicht mehr an der Düssel.
Das heutige Schlösser Alt hat 4,8 Prozent Alkohol und wird weiterhin obergärig gebraut. Verwendet werden Wasser, Gerstenmalz, Weizenmalz, Hopfen und Hopfenextrakt. Die Marke beschreibt ihr Bier als frisch-würzig mit fein geröstetem Malz und bernsteinfarbener Erscheinung. Angeboten wird es in 0,33- und 0,5-Liter-Flaschen sowie in verschiedenen Fassgrößen.
Auch der alte Bürgersaal verschwand. Ende der 1980er-Jahre mussten die Jonges ihr traditionsreiches Vereinsheim verlassen, der historische Schlösser-Komplex wurde später abgebrochen beziehungsweise grundlegend neu entwickelt. Jahre danach entstand an der Ratinger Straße mit dem Henkel-Saal und dem Schlösser Quartier Bohème wieder ein großer Veranstaltungsort, der bewusst an diese verlorene Tradition anknüpfte.
Damit ist von Schlösser heute etwas Merkwürdiges geblieben: Der Name lebt, das Bier lebt, die Düsseldorfer Gesellschaft lebt weiter – aber weder die alte Brauerei in der Altestadt noch die große Produktionsstätte an der Münsterstraße existieren noch.
Und vielleicht ist genau deshalb Schlösser für so viele Düsseldorfer mehr als irgendeine ehemalige Brauerei.
Wer dort im Bürgersaal Karneval gefeiert hat, erinnert sich nicht zuerst an Stammwürze oder Hopfengaben. Wer als Jong dort Dienstagabend am Tisch saß, denkt an Menschen. Wer Schlösser auf dem Schützenfest getrunken hat, erinnert sich an Musik, Uniformen und lange Nächte. Und wer an der Münsterstraße arbeitete, denkt wahrscheinlich an eine Arbeitswelt, die plötzlich aus Düsseldorf verschwand.
Deshalb wollen wir diesmal besonders viele Erinnerungen sammeln: Wer war noch im alten Schlösser-Bürgersaal? Wer kennt die Brauerei an der Münsterstraße von innen? Wer hat dort gearbeitet oder Familie gehabt, die bei Schlösser beschäftigt war? Gibt es alte Gläser, Kästen, Flaschen, Leuchtreklamen, Bierdeckel oder Fotos?
Und natürlich die entscheidende Frage an diejenigen, die das Bier noch aus der Düsseldorfer Produktion kennen:
Schmeckte Schlösser Alt damals anders als heute?
Schreibt eure Erinnerungen in die Kommentare. Bei kaum einer Brauerei unserer Serie dürften Biergeschichte und Düsseldorfer Stadtgesellschaft so eng miteinander verbunden sein.
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