
☝️🫵👉 DAS VERSCHWUNDENE MAJOLIKAHÄUSCHEN – DÜSSELDORFS KLEINES WUNDER AUS KERAMIK
Ein Haus, das selbst sein schönstes Ausstellungsstück war: Im Düsseldorfer Hofgarten stand einmal ein Pavillon, dessen Fassaden mit glasierten Fliesen, Mosaiken und plastischem Schmuck überzogen waren. Pflanzenornamente rankten sich über die Architektur, und hinter dem Eingang setzte sich die Farbenpracht fort. Das Majolikahäuschen von Villeroy & Boch war ein Gebäude zum Staunen. Sein Ende kam bereits 1926 – durch einen Abbruch im Vorfeld der GeSoLei-Ausstellung.
Unsere Computerrekonstruktionen holen dieses verschwundene Stück Düsseldorf zurück ins Bild. Sie orientieren sich an seiner ersten Nutzungsphase als Ausstellungspavillon im Jahr 1902. Wir begegnen dem Häuschen also zu einer Zeit, als es die Erzeugnisse eines Keramikunternehmens präsentierte und noch kein Hofgartencafé war. Die Bilder sind eine anschauliche Annäherung an diesen historischen Zustand. Wie viel sich tatsächlich belegen lässt – und wo eine Rekonstruktion ergänzen muss –, gehört dabei ebenso zur Geschichte wie das Gebäude selbst.
Seinen Anfang nahm das Projekt mit der großen Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung von 1902. Villeroy & Boch wollte sich dort mit einem eigenen Pavillon präsentieren. Für ein Unternehmen, das unter anderem Baukeramik und Bodenfliesen herstellte, bot sich eine besondere Möglichkeit: Schon die Architektur konnte zeigen, was die eigenen Werkstätten beherrschten. Besucher mussten keinen Katalog aufschlagen. Sie konnten die Produkte betreten.
Das Gebäude entstand im westlichen Hofgarten. Die Stadt nennt für den Rohbau den Zeitraum von August bis Dezember 1901; vollständig fertig wurde der Pavillon erst im Juni 1902. Mit rund 75 Quadratmetern und einem kreuzförmigen Grundriss war er vergleichsweise klein. Seine Wirkung bezog er aus der aufwendigen Ausstattung mit Arbeiten aus den Werken in Dresden, Merzig und Mettlach.
Die spätere Planung lag bei Anton Pleyer, einem Lehrer für Kunstgewerbe und Innendekoration in Mainz. Auch Unternehmensleiter René von Boch wirkte an der Gestaltung mit. Auf ihn ging die Idee zurück, die Gebäudeseiten unterschiedlich auszuführen. Wer um das Häuschen herumging, sollte immer neue Beispiele entdecken. Das war Architektur mit einem klaren geschäftlichen Zweck – und zugleich mit bemerkenswertem gestalterischem Ehrgeiz.
Der Jugendstil lieferte dafür eine passende Formensprache. Blätter, Blüten und geschwungene Linien verwandelten keramische Oberflächen in eine scheinbar lebendige Pflanzenwelt. An der Hauptfassade kamen unter anderem glasierte Schuppenplättchen zum Einsatz. Auch die Rückseite verdiente Aufmerksamkeit: Dort befanden sich Glasmosaiken mit Hafen- und Schiffsmotiven. Das Häuschen hatte weit mehr zu bieten als eine prächtige Eingangsfront.
Im Inneren setzte sich diese Lust am Detail fort. Vitrinen zeigten weitere Keramikerzeugnisse, ein Wandbrunnen und ein Majolikakamin führten unterschiedliche Verwendungsmöglichkeiten vor Augen. Besonders eindrucksvoll waren die mit Rosenmotiven geschmückte Decke und ein Durchgang, dessen plastischer Schmuck wie ein Baum mit rankenden Zweigen gestaltet war. Selbst der Blick nach oben gehörte zum Ausstellungsbesuch.
Nach dem Ende der Ausstellung schenkte Villeroy & Boch den Pavillon der Stadt Düsseldorf. Damit blieb ein Stück der Veranstaltung im Hofgarten erhalten und entwickelte sich zu einem beliebten Ausflugsziel. Von 1904 bis 1918 diente das Gebäude als Milchausschank. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte das „Café Mosaik-Pavillon“, mit Kaffee, Gebäck und sommerlichen Konzerten. Aus der Produktpräsentation war ein Ort für eine Pause im Grünen geworden.
Doch während das Häuschen seinen Platz im Düsseldorfer Alltag gefunden hatte, veränderten sich die Vorstellungen davon, wie moderne Architektur aussehen sollte. Mit den Vorbereitungen zur GeSoLei von 1926 geriet es unter Druck. Die neuen, monumentalen Ausstellungsbauten und der ornamentreiche Pavillon standen für unterschiedliche gestalterische Welten. Trotz Protesten aus der Bürgerschaft setzte sich der Wunsch nach seinem Abbruch durch.
Anfang Februar 1926 wurde Pächter Hermann Starkloff kurzfristig zur Räumung aufgefordert. Die Stadt datiert den Abbruch heute auf die Nacht vom 9. auf den 10. Februar. Die genauen Umstände sind allerdings nicht abschließend geklärt. Gerade die oft erzählte vollständige Beseitigung innerhalb weniger Nachtstunden verdient einen vorsichtigen Umgang: Ein Bericht der Alde Düsseldorfer über die Forschungen Melanie Florins verweist auf eine zeitgenössische Zeitungsmeldung, die vom Abtragen während mehrerer Tage sprach. Sicher ist das Ergebnis: Im Februar 1926 verlor Düsseldorf das Majolikahäuschen.
Lange blieb vor allem die Erinnerung in Fotografien und Beschreibungen. Dann brachte eine Spielplatzbaustelle das Gebäude überraschend wieder ans Licht. Bei Arbeiten an der Oederallee wurden 2014 Keramikfragmente und Fundamentreste entdeckt. Die Arbeiten wurden unterbrochen, die Befunde vermessen und dokumentiert. Durch den Abgleich mit historischen Grundrissen ließ sich der Standort nun genau bestimmen. Die Fundamente blieben geschützt im Boden.
Auch 2026 beschäftigt das Häuschen die Forschung: Stadtarchäologie und Hetjens – Deutsches Keramikmuseum untersuchen 114 erhaltene Fragmente. Hundert Jahre nach seinem Verschwinden gibt es also noch immer Neues über das Gebäude herauszufinden.
Unsere Außen- und Innenansichten nehmen euch gedanklich zurück ins Ausstellungsjahr 1902. Historische Aufnahmen, Pläne und Beschreibungen bilden die Grundlage. Sie erlauben jedoch keine lückenlose Wiederherstellung jedes Farbtons, jedes Einrichtungsdetails und der gesamten Umgebung. Der Vorplatz wurde in unserer Außenansicht vereinfacht, der Innenraum für die Rundumsicht räumlich großzügiger gestaltet. Die Darstellungen sind deshalb ausdrücklich illustrative Computerrekonstruktionen und keine maßgetreuen wissenschaftlichen Rekonstruktionen.
Sie machen dennoch etwas möglich, das alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen allein nur schwer vermitteln: eine Vorstellung davon, wie farbenreich und ungewöhnlich dieses kleine Gebäude gewirkt haben könnte. Und sie stellen eine Frage, die weit über das Majolikahäuschen hinausgeht: Welche Bauwerke, die uns heute unmodern erscheinen, würden spätere Generationen gern noch mit eigenen Augen sehen?
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