
☝️🫵👉 VOM HEYDELBERGER FASS ZUM UERIGE – ELEFANTEN, POSTKUTSCHEN UND EIN MILLOWITSCH
Wer heute an der Ecke Berger Straße und Rheinstraße vor dem Uerige steht, sieht eine der bekanntesten Adressen Düsseldorfs. Altbier, Köbesse, dichtes Gedränge vor dem Haus und dieses ganz besondere Stück Altstadt gehören längst zum Stadtbild. Doch wer die Geschichte des Ortes zurückverfolgt, landet nicht zuerst beim Bier. Er landet bei Postkutschen, Wein, Pferdeställen, Fremdenzimmern, einem „Heydelberger Fass“, einem „Berliner Hof“, einem „Bergischen Hof“, Elefanten und Dromedaren – und schließlich sogar bei der Familie Millowitsch.
Und genau genommen beginnt die Geschichte noch früher. Wann das alte Patrizierhaus an dieser Stelle errichtet wurde, lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen. Nach der überlieferten Hausgeschichte befand es sich von 1658 bis 1783 im Besitz der Familie Pfeilstricker. Mitte des 18. Jahrhunderts unterhielt Heinrich Lichtschlag dort eine Kaiserliche Reichs-Fahrpost. Wer damals reiste, brauchte schließlich weit mehr als einen Fahrplan: Menschen mussten essen und schlafen, Pferde versorgt und Wagen untergebracht werden. Das Haus war damit bereits lange vor dem ersten Uerige-Alt ein Ort, an dem Reisende ankamen, abstiegen und weiterzogen.
In diese Zeit fällt auch der erste Name, der bis heute besonders neugierig macht. Spätestens 1755 ist das Haus als „Zum Heydelberger Fass“ beziehungsweise „Zum großen Fass“ dokumentiert. Die alte Schreibweise mit y gehört zur Zeit. Ob sich der Düsseldorfer Name ausdrücklich auf das berühmte riesige Weinfass im Heidelberger Schloss bezog, lässt sich aus den zugänglichen Quellen nicht zweifelsfrei belegen. Fest steht dagegen, dass Wein hier eine zentrale Rolle spielte und dass der Name „Heidelberger Fass“ das Haus noch sehr lange begleiten sollte.
1783 führte der Weinhändler Leonhard Juppen das Heidelberger Fass. Eine historische Anzeige vermittelt ziemlich genau, was einen Gast dort erwartete: Reisende zu Pferd oder mit Wagen konnten Unterkunft, Stallung, Wein und Essen bekommen. Das Heidelberger Fass war also kein kleines Ecklokal nach heutigem Verständnis, sondern Gasthof, Herberge, Weinstube und Versorgungsstation in einem. Wer durch Düsseldorf reiste, konnte Mensch und Tier unterbringen und am nächsten Tag weiterziehen.
Danach wechselten die Eigentümer mehrfach. 1790 übernahm Johann Lambert Gruben das Haus. Nach der Besetzung Düsseldorfs durch französische Revolutionstruppen verkaufte er es 1795 an den Bäckermeister Bertram Mertens. 1802 gelangte die Immobilie schließlich an den Getreidehändler Johann Anton Joseph Bender. Unter Bender wurde kräftig gebaut: Ab 1811 entstanden neue Ställe und Speicher, 1820 ein weiteres Hintergebäude mit Remise und Wohnräumen. Schon daran erkennt man, wie groß und vielseitig der Betrieb hinter der eigentlichen Gaststube gewesen sein muss.
Nach Benders Tod 1826 verpachtete seine Witwe Elisabeth das Anwesen an verschiedene Gastwirte. Überliefert sind Heinrich Wilms und Caspar Bosselmann. Mit Bosselmann taucht der nächste Name in der Geschichte auf: Berliner Hof. Nach einem größeren Umbau 1837 und 1838 entwickelte sich daraus schließlich der Bergische Hof, ein Weinlokal mit Speisen, Übernachtungsmöglichkeiten und gelegentlichen Schaustellungen. Ganz sauber lässt sich der Wechsel der Namen allerdings nicht auf ein einzelnes Datum festnageln. Während die heutige Hauschronik den Bergischen Hof bereits nach dem Umbau 1837/38 nennt, erscheint der Berliner Hof in einer später zusammengestellten Düsseldorfer Jahreschronik noch für 1842. Historische Wirtshausnamen konnten offenbar eine Zeitlang nebeneinander beziehungsweise im Übergang weiterleben.
Und damit kommen wir zu den Elefanten.
Der Düsseldorfer Historiker Heinrich Ferber, 1832 in Düsseldorf geboren, erinnerte sich Jahrzehnte später an seine Jugend und schrieb 1890, dass im Stall des Hinterhauses für einige Pfennige „Elephanten, Dromedare“ und andere Tiere zu sehen gewesen seien. Ferber war kein späterer Geschichtenerfinder ohne Ortsbezug, sondern Düsseldorfer Archivar und Regionalhistoriker. Seine Erinnerung ist deshalb ein bemerkenswertes Zeitzeugnis – auch wenn sie Jahrzehnte nach dem Erlebnis niedergeschrieben wurde.
Besonders spannend wird es, wenn man eine zweite Überlieferung danebenlegt. Eine Chronik über das Düsseldorfer Jahr 1842 nennt ausdrücklich einen weißen Elefanten im Berliner Hof an der Bergerstraße. Ferber war 1842 zehn Jahre alt. Es wäre also zeitlich durchaus möglich, dass dieser Elefant zu jenen Tieren gehörte, an die er sich später erinnerte. Beweisen lässt sich allerdings nicht, dass Ferber genau diesen einen Elefanten meinte – und aus einer schönen Übereinstimmung sollte man keine falsche Gewissheit machen. Sicher ist aber: In dieser Zeit wurden an jener Adresse beziehungsweise in ihrem unmittelbaren historischen Zusammenhang tatsächlich exotische Tiere gezeigt.
Einen Zoo darf man sich darunter nicht vorstellen. Solche Tier- und Wanderschaustellungen gehörten im 19. Jahrhundert zur Unterhaltungskultur. Schausteller zogen mit ungewöhnlichen Tieren, Wachsfiguren, Dioramen und anderen Attraktionen von Stadt zu Stadt. Auch Düsseldorf kannte diese Form der Unterhaltung gut. In derselben Chronik von 1842 begegnen einem neben dem Elefanten ein Zirkus, ein Wachsfigurenkabinett und ein Diorama. Gasthöfe mit Höfen, Ställen und Nebengebäuden boten für solche kurzfristigen Sensationen passende Räume. Der spätere Uerige war damit zeitweise nicht nur Unterkunft und Gastwirtschaft, sondern offenbar auch ein Ort, an dem Düsseldorfer für ein paar Pfennige etwas zu sehen bekamen, das sie im Alltag niemals zu Gesicht bekommen hätten.
Dann kam der Mann, der dem Haus zwar nicht offiziell sofort einen neuen Namen gab, aber dafür einen Spitznamen, der stärker werden sollte als alle bisherigen Bezeichnungen.
Am 4. Januar 1862 verkaufte Elisabeth Bender den Bergischen Hof an Heinrich Hubert Wilhelm Cürten. In der Jubiläumschronik des Hauses wird ein Kaufpreis von 19.000 Talern preußisch Courant genannt. Cürten stammte aus Gerresheim, war Bäcker und Gastwirt und beantragte noch im Juni desselben Jahres eine Braugenehmigung. Im Keller und in den Hintergebäuden richtete er seine Brauerei ein; im Erdgeschoss wurde das obergärige Bier ausgeschenkt. 1862 ist damit das eigentliche Geburtsjahr der Hausbrauerei.
Nur hieß sie im Sprachgebrauch bald nicht mehr so, wie es irgendein Schild vorgab.
Wilhelm Cürten galt offenbar als ausgesprochen eigenwilliger Zeitgenosse. Die Hausgeschichte beschreibt ihn als schlecht gelaunt; andere Überlieferungen sprechen von einem schrulligen Menschen. Im Düsseldorfer Platt wurde daraus der „uerige Willem“. Überliefert ist außerdem, dass Cürten sein Haus praktisch nie verlassen habe – mit einer Ausnahme: dem sonntäglichen Kirchgang zur nahe gelegenen Maxkirche. Irgendwann gingen die Düsseldorfer nicht mehr nur in den Bergischen Hof, sondern einfach „zum Uerige“. Der Spitzname des Wirts war zum Namen des Hauses geworden.
Das ist vielleicht der schönste Teil dieser Namensgeschichte: Kein Marketingbüro erfand „Uerige“. Kein Unternehmensberater entwickelte eine Marke. Ein Wirt war offenbar so charakteristisch schlecht gelaunt, dass die Düsseldorfer ihn nach genau dieser Eigenschaft benannten – und mehr als anderthalb Jahrhunderte später kennt die ganze Stadt noch immer diesen Spitznamen.
Bis 1880 hatte sich die Brauerei längst einen Namen gemacht. Eine Jubiläumschronik spricht für diese Zeit von etwa 80 Hausbrauereien in Düsseldorf. Das Bier wurde im Keller und in den Hintergebäuden gebraut, ausgeschenkt vor allem im Eckraum zur Berger- und Rheinstraße. Und ausgerechnet in jenem Jahr bekam das Uerige eine Verbindung zu einer Familie, die man nun wirklich eher mit der anderen großen Rheinstadt verbindet.
Am 24. Januar 1880 wurde Peter Wilhelm Millowitsch in diesem Haus geboren.
Nicht Willy Millowitsch – das wird gern durcheinandergebracht –, sondern dessen Vater. Peter Wilhelm wurde später Schauspieler und Theaterleiter und führte die Familientradition weiter, aus der schließlich der wohl berühmteste kölsche Volksschauspieler hervorging. Willy Millowitsch selbst kam erst 1909 in Köln zur Welt. Dass sein Vater ausgerechnet im Düsseldorfer Uerige geboren wurde, ist also kein rheinischer Kneipenwitz, sondern historisch belegt.
Wie die Familie genau in diesem Moment in dem Haus untergebracht war, ist weniger eindeutig dokumentiert als die Geburt selbst. Plausibel ist der Zusammenhang mit der damals reisenden Theaterfamilie. Die Millowitschs waren keineswegs ausschließlich in Köln verwurzelt und unterwegs. Wilhelm Josef Millowitsch, Peter Wilhelms Vater, ist später sogar als Bewohner der Düsseldorfer Poststraße 2 und als Mitglied der Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft Kaffeepöttche nachgewiesen. Die Verbindung nach Düsseldorf bestand also stärker, als es die später liebevoll gepflegte Köln-Düsseldorf-Rivalität vermuten lässt.
Heute erinnert an der Uerige-Fassade eine bronzene Gedenktafel an diese Geschichte. Das Relief „Millowitsch-Dynastie“ stammt von Ulrich Grenzheuser und wurde im Jahr 2000 geschaffen. Und natürlich wäre eine solche Geschichte ohne rheinischen Seitenhieb nur halb so schön: Peter Millowitsch, Willys Sohn, wurde 2016 in einem Interview mit der Düsseldorfer Herkunft seines Großvaters konfrontiert. Seine scherzhafte Reaktion sinngemäß: aus Kölner Sicht sei das schon ziemlich peinlich – und dann auch noch im Uerige. Mehr rheinische Völkerverständigung geht eigentlich kaum.
Nach Wilhelm Cürtens Tod 1886 übernahm sein Sohn Max die Brauerei. Interessanterweise tauchte nun noch einmal der alte Name auf: Die Jubiläumschronik vermerkt, dass Max Cürten das Haus wieder „Im Heidelberger Fass“ nannte. Der volkstümliche Name Uerige war allerdings längst in der Welt. Max modernisierte die Brauerei unter anderem mit einer Eismaschine und neuer Brautechnik. Nach seinem frühen Tod 1902 stellte seine Witwe den Braumeister Jean Keller ein. Keller pachtete Brauerei und Gaststätte ab 1907 und kaufte beides 1912. Und als hätte das Haus seinen Charakter bereits festgelegt, beschreibt selbst die offizielle Historie auch Keller als keinen übermäßig fröhlichen Hausherrn. Der Name Uerige passte also weiterhin erstaunlich gut.
1934 übernahm Jakob Lotz die Pacht, 1937 begann die lange Ära Rudolf Arnolds. Dann traf der Zweite Weltkrieg das Haus mit voller Härte. 1943 wurde das Vorderhaus durch einen Bombentreffer zerstört, 1944 brannte die Brauerei nach einem weiteren Angriff vollständig aus. Was heute an der Ecke steht, ist deshalb nicht einfach unversehrt jenes Haus, in dem im 18. Jahrhundert Reisende abstiegen, im 19. Jahrhundert Elefanten gezeigt wurden und Peter Wilhelm Millowitsch geboren wurde. Die historische Kontinuität steckt im Ort und im Betrieb – die Bausubstanz musste nach dem Krieg zu wesentlichen Teilen neu entstehen.
Rudolf Arnold begann bereits 1945 gemeinsam mit zurückgekehrten Köbessen, Brauern und weiteren Mitarbeitern mit dem Wiederaufbau. 1949 war er abgeschlossen. Danach wuchs das Uerige weiter. 1951 kamen das Handwerkerstübchen und das Neweaan hinzu, 1974 das Brauhaus. Arnold selbst sorgte ebenfalls für Geschichten: Als er sich mit einer Schnapssteuer nicht anfreunden konnte, verzichtete er kurzerhand auf den Ausschank von Schnaps und begründete das per Schild zugleich mit der Gesundheit der Gäste und seinem eigenen Geschäft. Auch diese trockene Art passt auffällig gut zu einem Haus, dessen Name auf einen schlecht gelaunten Wirt zurückgeht.
1976 übernahmen Christa und Josef Schnitzler das Uerige. Seit 1999 führt Michael Schnitzler das Unternehmen. Mit dem 2008 eröffneten Stickum kamen weitere Flächen für Gastronomie und Brauerei hinzu, außerdem eine Brennerei. Damit hat sich der Betrieb technisch und räumlich weit von jenem Gasthof des 18. Jahrhunderts entfernt – ohne seine Geschichte abzuschütteln.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Reiz dieser Ecke.
Das Uerige ist nicht einfach ein Brauhaus, das seit 1862 Bier ausschenkt. An dieser Adresse lässt sich ein erstaunliches Stück Düsseldorfer Stadtentwicklung ablesen. Aus einer Station für Reisende und Postkutschen wurde das Heydelberger Fass. Aus Wein, Fremdenzimmern und Pferdeställen entwickelten sich Berliner und Bergischer Hof. In den Hintergebäuden wurden Elefanten und Dromedare bestaunt. Ein mürrischer Gerresheimer machte daraus eine Hausbrauerei und schenkte dem Ort unfreiwillig seinen bis heute gültigen Namen. Dann wurde dort auch noch der Vater von Willy Millowitsch geboren, bevor Krieg und Wiederaufbau das Gebäude erneut veränderten.
Wer heute mit einem Alt vor dem Uerige steht, steht deshalb auf bemerkenswert vielen Schichten Düsseldorfer Geschichte.
Und beim nächsten Blick auf die Ecke Berger Straße/Rheinstraße darf man sich ruhig vorstellen, wie dort einmal Reisende ihre Pferde unterstellten, wenige Jahrzehnte später Düsseldorfer für ein paar Pfennige einen Elefanten bestaunten – und irgendwann ein Kind namens Peter Wilhelm Millowitsch zur Welt kam.
So etwas kann sich eigentlich nur Düsseldorf ausdenken.
Nur diesmal ist es keine erfundene Geschichte.
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