
☝️🫵👉 AACHENER STRASSE WIRD ZUM VERKEHRSLABOR
Auf den ersten Blick ist es eine gute Nachricht aus Bilk: Die Haltestelle Suitbertusstraße ist fertig, die Stadtbahnen U71 und U83 halten wieder regulär und rund 4.000 Fahrgäste können dort nun barrierefrei ein- und aussteigen. Doch mit dem Ende der Baustelle beginnt an der Aachener Straße gleichzeitig ein Experiment, das weit über eine einzelne Haltestelle hinausweist. Denn hier zeigt sich ganz konkret, wie Düsseldorf den knappen Straßenraum künftig zwischen ÖPNV, Radverkehr, Fußgängern, Autos, Parkplätzen und Stadtgrün verteilen will.
Besonders auffällig ist das erste überfahrbare Radkap im Rheinbahn-Netz. Die beiden neuen Bahnsteige an der Suitbertusstraße sind jeweils 60 Meter lang, der Radweg wird im Haltestellenbereich auf das Niveau des Bahnsteigs angehoben. Die Idee dahinter: Radfahrende sollen durch die bauliche Gestaltung abbremsen und deutlich wahrnehmen, dass sie einen Bereich passieren, in dem Fahrgäste zur Bahn gehen oder aussteigen.
Auf dem Plan klingt das schlüssig. Im Alltag treffen dort jedoch zwei Verkehrsströme unmittelbar aufeinander – und genau deshalb besitzt die neue Lösung Konfliktpotenzial. Wer rechts an einer haltenden Straßenbahn vorbeifährt, darf bei ein- oder aussteigenden Fahrgästen nur mit Schrittgeschwindigkeit passieren, niemanden gefährden oder behindern und muss nötigenfalls warten. Das gilt auch für Radfahrende. Ob diese Regeln an einem stark genutzten Radweg selbstverständlich funktionieren oder ob es zwischen Eile, Gewohnheit und Unachtsamkeit zu Problemen kommt, wird sich nun zeigen.
Dass die Rheinbahn selbst genauer hinschaut, ist kein Nebendetail. Das neue Radkap wird wissenschaftlich begleitet. Das Wuppertaler Büro bueffee untersucht die Lösung in einem Vorher-Nachher-Vergleich; die Evaluation soll bis zum Sommer 2027 laufen. Die Erfahrungen von der Suitbertusstraße können damit Einfluss darauf haben, wie vergleichbare Haltestellen künftig gestaltet werden. Die rund 5,3 Millionen Euro teure Maßnahme, für die etwa 3,9 Millionen Euro Förderung vorgesehen sind, ist damit nicht nur ein barrierefreier Umbau, sondern tatsächlich ein Düsseldorfer Praxistest.
Und der nächste große Umbau auf der Aachener Straße ist längst in Vorbereitung.
An der Haltestelle Südring planen Stadt und Rheinbahn ein erheblich größeres Projekt. Dort soll ein neuer barrierefreier Mittelbahnsteig entstehen. Gleichzeitig soll die Lücke im Düsseldorfer Radhauptnetz zwischen Im Dahlacker und dem Südring geschlossen und die Radverkehrsführung weiter in Richtung Aachener Platz ausgebaut werden. Neue Fußgängerquerungen, veränderte Abbiegespuren und eine Neuordnung der Kreuzung gehören ebenfalls zur Planung. Das ist besonders relevant, weil der Bereich Aachener Straße/Südring von der Unfallkommission als Unfallhäufungsstelle beobachtet wird.
Die vorläufig geschätzten Gesamtkosten liegen bei rund 12,6 Millionen Euro. Nach aktuellem Planungsstand könnte die Planung bis Ende 2027 abgeschlossen werden; ein Baubeginn wäre anschließend frühestens 2028 denkbar. Die bislang genannten Kosten sind ausdrücklich noch keine endgültige Abrechnung und können sich im weiteren Verfahren verändern.
Spätestens beim Thema Parkplätze wird deutlich, wie tief der Umbau in den Alltag des Viertels eingreifen könnte. Im Planungsbereich gibt es derzeit rund 88 Möglichkeiten zum Parken am Fahrbahnrand sowie zwölf baulich angelegte Stellplätze. Durch Mittelbahnsteig, Radverkehrsanlagen und die Neuordnung des Straßenraums soll das heutige Fahrbahnrandparken weitgehend verschwinden. Nach der derzeitigen Planung könnten im öffentlichen Seitenraum künftig 13 reguläre Stellplätze sowie drei Liefer- und Ladeplätze verbleiben.
Als Ausgleich verweist die Planung auf private Parkflächen umliegender Supermärkte und Discounter, die teilweise über Feierabend-Parken genutzt werden können oder dafür noch erschlossen werden sollen. Je nach Ergebnis laufender Abstimmungen rechnet die Stadt im Einzugsgebiet insgesamt mit 93 bis 113 Parkmöglichkeiten. Ob Anwohner einen Stellplatz einige hundert Meter entfernt auf einem privaten Supermarktparkplatz allerdings tatsächlich als gleichwertigen Ersatz für einen Platz vor der Haustür empfinden, dürfte noch für Diskussionen sorgen.
Auch beim Stadtgrün wird der Umbau sichtbar. Nach der bisherigen Planung müssten 28 Bäume gefällt werden. Gleichzeitig sollen 58 neue Bäume gepflanzt und der Alleecharakter der Aachener Straße langfristig gestärkt werden. Rechnerisch entstehen damit mehr Bäume – dennoch dürfte gerade der Verlust vorhandener, gewachsener Bäume genau beobachtet werden.
Zusätzliche Brisanz bekommt die Entwicklung durch eine weitere Entscheidung, die gerade jetzt umgesetzt wird. Rund um die Aachener Straße richtet Düsseldorf das neue Bewohnerparkgebiet AC ein. Die Stadt begründet das ausdrücklich mit erheblichem Parkdruck im Quartier. Voraussichtlich zum 1. November soll die Regelung starten. Für Besucher wird der öffentliche Parkraum werktags von 9 bis 20 Uhr kostenpflichtig, Bewohner können einen Bewohnerparkausweis beantragen.
Damit laufen an und rund um die Aachener Straße mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammen: Eine neue Haltestelle testet erstmals das direkte Zusammenspiel von Radverkehr und ein- und aussteigenden Fahrgästen. Am Südring steht ein wesentlich größerer Umbau bevor, der Sicherheit und Barrierefreiheit verbessern, das Radhauptnetz schließen und gleichzeitig einen Großteil der heutigen Parkmöglichkeiten aus dem Straßenraum verdrängen soll. Und parallel reagiert die Stadt bereits heute mit Bewohnerparken auf den bestehenden Parkdruck.
Dabei wäre es zu einfach, daraus einen Kampf zwischen Fahrrad und Auto oder zwischen Rheinbahn und Anwohnern zu machen. Die eigentliche Frage ist schwieriger: Wie verteilt eine dicht bebaute Stadt einen Straßenraum, der nicht größer wird, während gleichzeitig Barrierefreiheit, Verkehrssicherheit, Radverkehr, ÖPNV, Fußwege, Bäume, Lieferverkehr und die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt werden sollen?
An der Aachener Straße wird diese Frage nicht mehr theoretisch diskutiert. Dort wird sie gebaut.
Und deshalb wird es spannend sein, genau hinzuschauen, wie gut das neue Radkap an der Suitbertusstraße im täglichen Betrieb funktioniert – und welche Diskussionen beginnen, wenn die Planungen rund um den Südring konkreter werden.
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