☝️🫵👉 Als Gerresheim Revolution machte: Peter Joseph Neunzig und der 8. Oktober 1848
Heute ist der Gerricusplatz einer der vertrautesten Orte im alten Gerresheim. Doch am 8. Oktober 1848 wurde genau hier Politik gemacht – laut, öffentlich und mit Tausenden Menschen. Der später so genannte „Tag von Gerresheim“ gehört zu den bemerkenswertesten Episoden der Düsseldorfer Revolutionsgeschichte. Im Mittelpunkt stand ein Mann, dessen Namen viele heute vor allem von einem Straßenschild kennen: der Gerresheimer Arzt Peter Joseph Neunzig.
Das Jahr 1848 hatte Düsseldorf erfasst. Demokraten forderten politische Mitbestimmung, Grundrechte und nationale Einheit, gleichzeitig verschärften Arbeitslosigkeit und soziale Not die Lage. Der Düsseldorfer Volksklub gehörte zu den radikaldemokratischen Kräften dieser Zeit. Am 8. Oktober setzte sich ein großer Demonstrationszug aus Düsseldorf in Richtung Gerresheim in Bewegung. Historische Berichte nennen zunächst rund 2.300 Teilnehmer; am damaligen Kirchhof vor St. Margareta, dem heutigen Gerricusplatz, soll die Menge schließlich auf etwa 5.000 Menschen angewachsen sein.
Unter den Rednern waren bekannte Köpfe der Revolution: Ferdinand Lassalle, der Dichter Ferdinand Freiligrath, Bürgerwehrkommandeur Lorenz Cantador – und Peter Joseph Neunzig. Die Versammlung verband die großen politischen Fragen der Zeit mit ganz konkreten sozialen Problemen. Als bekannt wurde, dass Düsseldorf wegen erschöpfter Mittel Arbeiten auf der Golzheimer Insel einstellen und damit Beschäftigte entlassen wollte, schlug die Stimmung um. Ein Teil der Demonstrierenden zog anschließend zurück nach Düsseldorf. Schon am folgenden Tag trugen Arbeiter ihre Forderung nach Beschäftigung beim Magistrat vor. Johann Peter Hasenclever hielt diese soziale Spannung später in seinem Gemälde „Arbeiter vor dem Magistrat“ fest.
Ein Arzt wird Revolutionär
Neunzig war keineswegs ein politischer Berufsfunktionär. Geboren wurde er 1797 in Düsseldorf, nur wenige Monate vor Heinrich Heine, den er aus jungen Jahren kannte. Er studierte Medizin und eröffnete 1829 eine Praxis in Gerresheim. Dort arbeitete er auch als Armenarzt. Das damalige Gerresheim befand sich bereits im Wandel: Die Eisenbahn und erste Industriebetriebe begannen, die jahrhundertealte Ackerbürgerstadt zu verändern.
Neunzig mischte sich zunehmend politisch ein. 1848 wurde er für das sogenannte Vorparlament nominiert und stand in Kontakt mit Ferdinand Lassalle. Die Revolution endete für ihn schließlich nicht auf dem Rednerpodium. Nach den blutigen Barrikadenkämpfen vom 9. Mai 1849 in Düsseldorf wurde ihm vorgeworfen, zum Widerstand gegen die Obrigkeit aufgerufen zu haben. 1850 verurteilte ihn ein Gericht zu fünf Jahren Zwangsarbeit und lebenslanger Polizeiaufsicht; die Strafe wurde später in Festungshaft umgewandelt.
Nach seiner Haft kehrte Neunzig nach Gerresheim zurück und arbeitete wieder als Arzt. Er starb 1877. Ganz verschwunden ist er aus dem Stadtteil nie: Seit 1957 trägt die Neunzigstraße seinen Namen, und auf dem 1973 errichteten Heimatbrunnen am Gerricusplatz ist sein Porträt verewigt. Wer dort heute vorbeigeht, steht damit praktisch mitten in der Geschichte des Düsseldorfer Revolutionsjahres.
Neue Spurensuche in Gerresheim
Genau dieser Geschichte widmet der Gerresheimer Historiker Peter Stegt nun ein neues Buch. „1848 – Peter Joseph Neunzig und der Tag von Gerresheim“ erscheint als vierter Band der Gerresheim-Bibliothek. Stegt hat dafür Neunzighs Lebensweg und die Ereignisse von 1848 erneut untersucht und Quellen aus verschiedenen Archiven ausgewertet.
Vorgestellt wird das Buch am Montag, 31. August 2026, um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Gerresheim, Heyestraße 4. Stegt berichtet dabei auch über die Entstehung des Bandes und besondere Erkenntnisse seiner Recherche. Grafiker Michael Osche gibt Einblicke in die Gestaltung des Buches.
Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist bei der Stadtbücherei Gerresheim unter 0211 8924122 oder stbgerresheim@duesseldorf.de erforderlich.
Der „Tag von Gerresheim“ zeigt dabei etwas, das leicht vergessen wird: Die Revolution von 1848 spielte sich nicht nur in Berlin oder Frankfurt ab. Auch auf Düsseldorfer Straßen, vor dem Rathaus – und mitten auf dem heutigen Gerricusplatz – wurde um Demokratie, soziale Rechte und politische Teilhabe gerungen.
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