
☝️🫵👉 OLBERMANN: ALS TEXAS-CRAFTBEER AUF DÜSSELDORFER ALT TRIFFT – UND EINE JUNGE BRAUEREI NACH NUR WENIGEN JAHREN WIEDER VERSCHWINDET
Nicht jede Düsseldorfer Brauereigeschichte braucht hundert Jahre, um erzählenswert zu sein. Die Privatbrauerei Olbermann existierte nur wenige Jahre – und steht trotzdem für eine bemerkenswerte Phase der jüngeren Biergeschichte unserer Stadt. Hier traf die amerikanische Craftbeer-Bewegung auf Düsseldorfer Altbiertradition, aus zwei Hobbybrauern wurden Brauereibesitzer, aus einer Küche wurde eine eigene Produktionsstätte in Gerresheim und aus einer jungen Biermarke zeitweise sogar der Hausname zweier traditionsreicher Altstadtkneipen.
Die Idee entstand weit weg vom Rhein. Mirjam und Jan Olbermann verbrachten beruflich mehrere Jahre im texanischen Austin und lernten dort eine Bierkultur kennen, die ganz anders funktionierte als die klassische Düsseldorfer Brauhauswelt. Kleine Brauereien experimentierten mit Hopfensorten, Rezepturen und Bierstilen, die jenseits von Pils und Lager eine enorme Geschmacksvielfalt boten. Die Olbermanns probierten sich durch diese Szene – und begannen schließlich selbst zu brauen.
Der Anfang war allerdings alles andere als glorreich. Der erste eigene Versuch soll so bitter geraten sein, dass er kaum genießbar war. Doch statt die Idee aufzugeben, wurde weiter experimentiert. Zuhause entstanden auf einer kleinen Homebrew-Anlage immer neue Sude, Rezepte wurden verändert und Freunde zu Testtrinkern. Aus dem Hobby entwickelte sich irgendwann ein ernsthafter Plan.
Am 22. November 2019 wurde die Privatbrauerei Olbermann GmbH offiziell gegründet. Im Januar 2020 waren die ersten beiden verkaufsfertigen Biere da – ausgerechnet zwei kräftige India Pale Ales. Das war eine bemerkenswerte Ansage für Düsseldorf. Während die Stadt bierkulturell vor allem durch ihr Alt geprägt war, startete Olbermann bewusst mit den Aromen der amerikanischen Craftbeer-Szene.
Eine eigene große Brauanlage besaßen Mirjam und Jan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die selbst entwickelten Rezepte wurden zunächst im Lohnbrauverfahren bei anderen Brauereien umgesetzt. Das war kein Geheimnis, sondern Teil der Entwicklung des jungen Unternehmens. Entscheidend war für die beiden, die eigenen Rezepturen und die eigene Bieridee Schritt für Schritt auf eine professionelle Größenordnung zu bringen.
Auch optisch wollte Olbermann anders sein. Die braunen 0,33-Liter-Flaschen bekamen auffällige, nostalgisch angehauchte Etiketten, die sich klar von den klassischen Düsseldorfer Biermarken unterschieden. Die Motive wurden individuell gestaltet und erinnerten teilweise an amerikanische Werbung der 1950er-Jahre. Damit entstand eine Marke, die bewusst nicht vorgab, seit 1850 zu existieren. Olbermann war neu – und sollte auch so aussehen.
Das Sortiment wuchs schnell über die ersten IPAs hinaus. Mit dem Olbermann Alt kam natürlich auch die Düsseldorfer Heimat ins Glas. Das obergärige Bier hatte 4,8 Prozent Alkohol und fiel schon optisch etwas heller aus als viele traditionelle Düsseldorfer Altbiere. Dazu kamen ein Helles, verschiedene Pale Ales, ein New England beziehungsweise Hazy IPA, White IPA und wechselnde Spezialbiere. Namen wie Hopfenstemmer oder Miss Fluffy zeigten, dass hier nicht nur mit Rezepturen, sondern auch mit der Sprache einer jüngeren Bierkultur gespielt wurde.
Besonders interessant war das Nebeneinander von Alt und Hellem. Wieder begegnet uns damit in unserer Serie ein Punkt, der sich durch die gesamte Düsseldorfer Brauereigeschichte zieht: Unsere Stadt war und ist niemals ausschließlich eine Altbierstadt gewesen. Historische Brauereien produzierten Helles, Lager, Pils, Export und Bock neben ihren obergärigen Bieren – und Olbermann setzte diese Vielfalt im 21. Jahrhundert mit Craftbeer-Mitteln fort.
2021 bekam die Marke ein eigenes Zuhause mitten in der Altstadt. An der Kurze Straße 2a, unmittelbar am Burgplatz, übernahmen Jan und Mirjam Olbermann gemeinsam mit Michael Müller das traditionsreiche St. Sebastian und eröffneten es als eigenen Brauereiausschank neu. Plötzlich musste das Olbermann-Bier nicht mehr nur über Flaschen, Handel und fremde Gastronomien erklärt werden. Es konnte dort getrunken werden, wo Düsseldorfer Bierkultur seit Jahrhunderten funktioniert: an der Theke.
Der Ausschank wurde für die junge Brauerei enorm wichtig. Ende 2022 erklärte Jan Olbermann, rund 70 Prozent des in Düsseldorf produzierten Bieres würden über das St. Sebastian verkauft. Das kleine Lokal mit nur etwa 60 Plätzen war damit nicht bloß Schaufenster, sondern wirtschaftliches Herz der Brauerei.
Denn inzwischen war ein weiterer entscheidender Schritt gelungen: Olbermann braute tatsächlich selbst in Düsseldorf. Im Juni 2022 bezog das Unternehmen in Gerresheim eine ehemalige Bäckerei in einem Hinterhof an der Dreherstraße. Dort wurde eine 5,7-Hektoliter-Brauanlage des amerikanischen Herstellers Ss Brewtech installiert. Gär- und Lagertanks sowie weitere Technik folgten. Aus einer Biermarke mit Lohnproduktion war damit eine echte Düsseldorfer Kleinbrauerei geworden.
Bemerkenswert war auch, dass die Olbermanns keinen klassischen Brauerhintergrund hatten. Jan kam aus dem Motorsport und arbeitete als Rennmechaniker, Mirjam war im Umfeld der LVR-Klinik Gerresheim tätig. Das professionelle Brauwissen wurde deshalb gezielt ergänzt. Zum Jahreswechsel 2022/23 stieß mit Tim Koziorowski ein ausgebildeter Brauer und Mälzer zum Unternehmen. Die Hobbybrauerei war erwachsen geworden.
Gleichzeitig blieb die Experimentierfreude erhalten. Gemeinsam mit anderen Craftbeer-Brauern entstanden sogenannte Collaboration-Biere. Mit Bier Kong und Freigeist Bierkultur wurde beispielsweise „Alt(es) aus Liebe“ entwickelt, ein ungewöhnlich aufwendig aufgebautes Altbier mit mehreren Malzsorten und kräftiger Hopfung. Solche Biere zeigten, was Olbermann eigentlich versuchte: Düsseldorfer Tradition nicht abzuschaffen, sondern neu zu interpretieren.
2023 kam noch ein weiterer emotionaler Ort hinzu. Die Olbermanns übernahmen den Pachtbetrieb der legendären Altstadtkneipe Em Pöötzke in der Mertensgasse. Das kleine Lokal gehört seit Jahrzehnten zur Düsseldorfer Jazz- und Livemusikgeschichte. Unter Olbermann wurde die Musiktradition wieder stärker belebt; gleichzeitig standen Alt, Helles und IPA aus der eigenen Brauerei auf der Karte. Amerikanisch inspirierte Biere, New-Orleans-Jazz und Düsseldorfer Altstadt trafen hier auf wenigen Quadratmetern zusammen.
Gerade deshalb kam das Ende überraschend schnell. Im Januar 2025 teilte Olbermann mit, Brauerei und Ausschank auf der Kurze Straße aus persönlichen Gründen Ende März schließen zu wollen. Jan Olbermann kündigte zugleich an, in seinen früheren Beruf zurückzukehren. Für die Privatbrauerei war es jedoch nicht nur ein gastronomischer Abschied. Im Februar 2025 stellte die Gesellschaft selbst einen Insolvenzantrag. Das Amtsgericht Düsseldorf wies den Antrag am 24. Juni 2025 mangels Masse ab. Die GmbH befindet sich inzwischen in Liquidation.
Heute sagt selbst die ehemalige Internetseite der Privatbrauerei nur noch knapp, dass die Pforten geschlossen seien. Damit ist ein Düsseldorfer Brauereikapitel beendet, das kaum begonnen zu haben schien.
Und trotzdem wäre es falsch, Olbermann nur als gescheitertes Experiment zu betrachten. Innerhalb weniger Jahre gingen Mirjam und Jan Olbermann den gesamten Weg vom Küchenbrauer über Lohnproduktion und Flaschenverkauf bis zur eigenen Brauanlage, professionellem Brauer, eigenem Altstadtausschank und mehreren sehr unterschiedlichen Bierstilen. Sie zeigten, dass in Düsseldorf neben jahrhundertealten Namen Platz für neue Ideen war – und dass ein Altbier nicht automatisch so schmecken oder aussehen muss wie vor fünfzig Jahren.
Vielleicht gehört auch genau das zur ehrlichen Brauereigeschichte einer Stadt. Nicht jede Brauerei wird 150 Jahre alt. Einige hinterlassen gewaltige Fabrikgebäude, andere nur alte Etiketten. Manche existieren so kurz, dass die Menschen, die ihr erstes Bier getrunken haben, auch beim letzten noch an der Theke sitzen.
Olbermann war eine solche Brauerei.
Wer von euch hat die ersten Olbermann-Biere noch aus der Zeit der Lohnbrauerei probiert? Wer saß im St. Sebastian, trank Alt oder Hopfenstemmer im Pöötzke oder war vielleicht sogar einmal in der kleinen Gerresheimer Brauerei an der Dreherstraße?
Und welches Olbermann-Bier sollte eurer Meinung nach nicht vergessen werden?
Schreibt eure Erinnerungen in die Kommentare. Diesmal schreiben wir keine Geschichte aus den Erzählungen unserer Großeltern – sondern eine, die viele Düsseldorfer selbst miterlebt haben.
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