
☝️🫵👉 ALS 7,5 MILLIONEN MENSCHEN NACH DÜSSELDORF KAMEN: DIE GESO LEI VERÄNDERTE DIE STADT
Wer heute an der Tonhalle entlang durch den Ehrenhof zum Kunstpalast oder weiter zu den Rheinterrassen läuft, bewegt sich durch eine der sichtbarsten Hinterlassenschaften eines Düsseldorfs, das vor genau 100 Jahren zeigen wollte, wozu es wieder fähig war.
1926 wurde das Rheinufer für einige Monate zur Bühne eines Ereignisses, dessen Dimension heute beinahe unglaublich klingt. Auf rund 400.000 Quadratmetern eröffnete am 8. Mai die „Große Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“ – schon damals kurz GeSoLei genannt. Bis zum 15. Oktober kamen rund 7,5 Millionen Menschen aus Deutschland und dem Ausland. Damit war sie die größte Ausstellung der Weimarer Republik.
Zum Vergleich: Düsseldorf hatte damals nur einen Bruchteil der heutigen Einwohnerzahl. Trotzdem strömten innerhalb eines halben Jahres Millionen Menschen in die Stadt. Sie kamen wegen Medizin und Wissenschaft, Industrie und Kunst, Sport und Sozialpolitik – aber ebenso wegen Unterhaltung, Konsum und eines großen Vergnügungsbereichs. Die GeSoLei war Fachausstellung, Leistungsschau, Volksfest und politische Selbstdarstellung zugleich.
Düsseldorf brauchte dieses Ereignis auch für sein eigenes Selbstbewusstsein.
Der Erste Weltkrieg lag erst acht Jahre zurück. Die alliierte Besatzung des Rheinlands hatte die Stadt geprägt; erst 1925 endete die französische Besatzung Düsseldorfs. Nun wollte man wieder Anschluss an die große deutsche Ausstellungstradition finden und der Welt zeigen, dass die Stadt wirtschaftlich, kulturell und organisatorisch wieder da war. Die GeSoLei wurde zum gewaltigen Schaufenster dieses Anspruchs.
Dafür wurde Düsseldorf regelrecht umgebaut.
Unter Leitung des Architekten Wilhelm Kreis entstand innerhalb erstaunlich kurzer Zeit ein monumentales Ensemble am Rhein. Zwischen 1925 und 1926 wurden die Bauten des Ehrenhofs, die Rheinterrasse und das damalige Planetarium errichtet. Letzteres kennen wir heute als Tonhalle. Rund 20 Künstlerinnen und Künstler gestalteten Skulpturen, Mosaiken, Wandbilder und Glasarbeiten für das Gelände. Vieles davon ist noch immer vorhanden.
Wer also heute am Ehrenhof steht, betrachtet nicht einfach schöne Architektur der 1920er-Jahre. Er steht mitten in einem hundert Jahre alten Ausstellungsgelände.
Das heutige NRW-Forum, Teile des Kunstpalastes, die Tonhalle und die Rheinterrasse gehören zu diesem Erbe. Nördlich davon erstreckten sich zahlreiche weitere Hallen und Pavillons bis in Bereiche des heutigen Rheinparks. Anders als die repräsentativen Dauerbauten waren viele dieser Gebäude von Anfang an nur für die Ausstellung gedacht und verschwanden anschließend wieder.
Genau diese verschwundene Stadt lässt sich derzeit noch einmal besonders eindrucksvoll sehen. Das Düsseldorfer Stadtarchiv zeigt gemeinsam mit dem LVR-Zentrum für Medien und Bildung historische Fotografien von Julius Söhn, der den Aufbau der GeSoLei dokumentierte. Zu sehen sind nicht nur fertige Prachtbauten, sondern Baustellen, Gerüste und die Entstehung einer Landschaft, die für wenige Monate wie eine eigene Stadt in der Stadt wirkte. Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Oktober.
Doch wer die GeSoLei heute nur als glanzvolle Erfolgsgeschichte erzählt, erzählt nur die halbe Wahrheit.
Denn das Jubiläum zwingt auch zu einem kritischeren Blick auf das Jahr 1926.
Die Ausstellung versprach Gesundheit, Fortschritt und eine bessere Gesellschaft. Hinter diesen Begriffen standen jedoch Vorstellungen, die aus heutiger Sicht teilweise höchst problematisch sind. Das von der Heinrich-Heine-Universität erforschte Programm der GeSoLei umfasste Themenbereiche wie „Kolonialhygiene“, „Rassenhygiene“, „Die Frau“ und „Hygiene der Juden“. Gesundheit wurde nicht allein als persönliche Frage verstanden, sondern mit Vorstellungen eines gesunden gesellschaftlichen oder nationalen Körpers verbunden.
Die Veranstalter sprachen sogar vom „Wiederaufbau des deutschen Menschen“. Deutschland sollte nach Krieg, Niederlage und Besatzungszeit wieder Stärke demonstrieren. Wissenschaft, Medizin und Sozialpolitik standen dabei neben nationalem Selbstbehauptungswillen. Gleichzeitig fanden auch eugenische und koloniale Vorstellungen ihren Platz in dieser Fortschrittsschau.
Das macht die GeSoLei heute historisch so spannend.
Sie war weder einfach ein Vorläufer einer modernen Gesundheitsmesse noch bereits eine nationalsozialistische Propagandaveranstaltung. Sie war ein Spiegel der widersprüchlichen Weimarer Republik: demokratischer Aufbruch und gesellschaftlicher Fortschritt standen neben Nationalismus, kolonialem Denken, Eugenik und Vorstellungen von gesellschaftlicher Auslese. Genau diese Widersprüche untersucht derzeit ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt der Heinrich-Heine-Universität.
Das Stadtmuseum greift diese Forschung zum Jubiläum auf.
Unter dem Titel „100 Jahre GeSoLei – Forschen, Entdecken, Verstehen“ werden Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Filme, Grafiken und Archivalien gezeigt. Die Ausstellung will ausdrücklich nicht nur feiern, sondern fragen, was damals unter Gesundheit, Fortschritt, Gesellschaft und Normalität verstanden wurde – und welche Vorstellungen davon wir heute anders beurteilen. Sie läuft bis zum 3. Januar 2027.
Und vielleicht ist genau das der faszinierendste Teil dieser Geschichte:
Die GeSoLei ist gleichzeitig verschwunden und überall noch da.
Die meisten Pavillons existieren längst nicht mehr. Millionen Besucher sind nur noch Statistik. Das Vergnügungsviertel ist verschwunden. Die politischen und medizinischen Vorstellungen von damals wirken teilweise befremdlich.
Doch wer heute ein Konzert in der Tonhalle besucht, im Kunstpalast eine Ausstellung sieht, vor dem NRW-Forum sitzt oder auf der Terrasse am Rhein ein Alt trinkt, nutzt Gebäude, die ohne diesen gigantischen Sommer 1926 vermutlich nicht so dort stehen würden.
Düsseldorf trägt die GeSoLei bis heute im Stadtbild.
Und zum Jubiläum kann man diese Geschichte sogar an mehreren Orten gleichzeitig entdecken:
100 JAHRE GESO LEI – FORSCHEN, ENTDECKEN, VERSTEHEN
Stadtmuseum Düsseldorf
Berger Allee 2
bis 3. Januar 2027
DER AUFBAU DER GESO LEI – FOTOGRAFIEN VON JULIUS SÖHN
Stadtarchiv Düsseldorf
Worringer Straße 140
noch bis 15. Oktober 2026
SPOT ON: 100 JAHRE GESO LEI
Kunstpalast
Ehrenhof 4–5
Außerdem gibt es am Dienstag, 13. Oktober, um 18.30 Uhr im Kunstpalast ein Gespräch über Wilhelm Kreis als Architekten und Ausstellungsmacher der GeSoLei.
Und jetzt interessiert uns eure Erinnerung: Wer wusste, dass Tonhalle, Ehrenhof und Rheinterrasse unmittelbar mit der GeSoLei zusammenhängen? Gibt es in euren Familien vielleicht sogar noch alte Fotos, Postkarten, Eintrittskarten oder Erzählungen von 1926?
Schaut einmal in alte Fotoalben und Schubladen.
Vielleicht liegt irgendwo noch ein kleines Stück jener Monate, in denen halb Deutschland scheinbar nach Düsseldorf unterwegs war.
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