SCHWABENBRÄU: WIE AUS EINER DERENDORFER HAUSBRAUEREI EINER DER GRÖSSTEN BIERKONZERNE DES NIEDERRHEINS WURDE

SCHWABENBRÄU: WIE AUS EINER DERENDORFER HAUSBRAUEREI EINER DER GRÖSSTEN BIERKONZERNE DES NIEDERRHEINS WURDE
SCHWABENBRÄU: WIE AUS EINER DERENDORFER HAUSBRAUEREI EINER DER GRÖSSTEN BIERKONZERNE DES NIEDERRHEINS WURDE

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Als Archäologen 2015 bei Ausgrabungen in der Kölner Innenstadt einen alten Bierkeller freilegten, machten sie einen erstaunlichen Fund. Zwischen den Resten eines im Krieg zerstörten Hauses lag noch ein Fass. Darin befand sich tatsächlich Flüssigkeit, die in der Restaurierungswerkstatt am Geruch eindeutig als längst ungenießbares Bier erkannt wurde. Auf dem Fassboden stand in tiefen Buchstaben: „Düsseldorf 1755“.

Das Fass gehörte zur Düsseldorfer Schwabenbräu.

Und damit führt uns Nummer 26 unserer Brauereiserie zu einem Unternehmen, das heute fast vollständig aus dem Stadtgedächtnis verschwunden ist, obwohl es einmal zu den bedeutendsten Brauereien Westdeutschlands gehörte. Schwabenbräu war nicht einfach irgendeine ehemalige Düsseldorfer Biermarke. Ihre Geschichte verbindet eine alte Derendorfer Gasthausbrauerei mit industrieller Expansion, Pils und Export, Schlösser Alt, großen Übernahmen und schließlich jener Braustätte an der Münsterstraße, in der sich ein erheblicher Teil der Düsseldorfer Bierindustrie konzentrierte.

Die Wurzeln liegen im alten Derendorf. An der Straße „Am Schänzchen“, im Bereich der heutigen Münsterstraße, befand sich das Gasthaus „Zu den sieben Schwaben“ mit eigener Brauerei. Düsseldorfer Heimatüberlieferungen führen das Haus teilweise noch weiter zurück, sicher greifbar ist die Brauerei spätestens 1755. Das spätere Unternehmen selbst verwendete dagegen 1823 als Gründungsdatum. In diesem Jahr kam die Brauerei durch Einheirat an die Familie Kels.

Schon diese unterschiedlichen Jahreszahlen erzählen viel darüber, wie alte Brauereigeschichte funktioniert. Ein Gasthaus konnte Generationen existieren, bevor daraus eine Firma mit klar definiertem Gründungsjahr wurde. Für Schwabenbräu müssen wir deshalb drei Ebenen auseinanderhalten: die alte Braustätte „Zu den sieben Schwaben“, mindestens seit 1755 belegt, die Kels’sche Unternehmensgeschichte ab 1823 und schließlich die moderne Aktiengesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Das Bier dieser frühen Hausbrauerei war zunächst obergärig. Damit unterschied sich „Zu den sieben Schwaben“ nicht von den vielen kleinen Düsseldorfer Brauereien jener Zeit. Künstliche Kühlung gab es nicht, untergärige Biere waren technisch erheblich schwieriger herzustellen, und Düsseldorf war geprägt von obergärigem Hausbier – jener Brautradition, aus der sich später das Altbier entwickelte.

Der große Wandel begann 1889. Heinrich Wiedemeyer übernahm gemeinsam mit seinem Schwager Peter Kels die Brauerei. Wiedemeyer hatte Agnes Kels geheiratet und sollte aus dem alten Familienbetrieb innerhalb weniger Jahrzehnte ein Unternehmen völlig anderer Größenordnung formen. Die Produktionsanlagen wurden erweitert und modernisiert, und besonders wichtig für unsere Serie: Schwabenbräu stellte vom traditionellen obergärigen Brauen zunehmend auf untergärige Produktion um.

Damit wurde ausgerechnet eine der alten Düsseldorfer Hausbrauereien zu einem hervorragenden Beispiel dafür, wie vielfältig die Bierstadt Düsseldorf tatsächlich war.

Denn während in den Altstadtbrauereien die obergärige Tradition weiterlebte, entwickelte Schwabenbräu eine starke Linie heller, untergäriger Biere. Pils und Export wurden wichtige Produkte des Hauses. Später tauchte der Name STUBS prominent auf Bierdeckeln, Gläsern, Flaschen und Reklame auf. In den 1950er-Jahren wurde STUBS ausdrücklich als das beliebte Flaschenbier der Düsseldorfer Schwabenbräu beworben; spätere Anzeigen nennen konkret STUBS Pils und STUBS Export.

Daneben gab es Schwabenbräu Export unter dem Namen der Brauerei selbst. Noch 1970 wurde es beispielsweise im Goldenen Ring am Burgplatz ausgeschenkt. Gerade solche Anzeigen sind wunderbare Gegenbeweise gegen die Vorstellung, Düsseldorf habe früher ausschließlich Alt getrunken. Ein Düsseldorfer konnte selbstverständlich ein untergäriges Export oder Pils aus einer Düsseldorfer Großbrauerei bestellen – und tat das offenbar reichlich.

1895 wurde der wachsende Betrieb in die Aktiengesellschaft Schwabenbräu überführt. Das ist auch durch Akten des Bundesarchivs greifbar. Der Sitz lag an der Münsterstraße 156. Aus dem alten Gasthaus „Zu den sieben Schwaben“ war nun endgültig ein modernes Unternehmen mit Kapital, Management, Produktionsanlagen und Expansionsplänen geworden.

Wie rasant diese Entwicklung verlief, zeigt die Unternehmenspolitik der folgenden Jahrzehnte. Schwabenbräu beschränkte sich längst nicht mehr auf Derendorf. Die Gesellschaft kaufte andere Brauereien, Beteiligungen und Gaststätten. 1905 kam unter anderem die Alemannia-Brauerei in Rheydt hinzu. 1918 wurde die Düsseldorfer Adlerbrauerei vormals Rudolph Dorst angegliedert, über die wir ganz am Anfang unserer Serie berichtet haben. Wenige Jahre später folgte die Tivoli-Brauerei in Krefeld.

Schwabenbräu wuchs damit nicht nur durch mehr Bier, sondern durch ein immer größeres Netz aus Produktionsstätten und Absatzmöglichkeiten. Bierwirtschaft funktionierte längst anders als zu Zeiten der kleinen Hausbrauerei. Wer Gaststätten, Ausschankrechte und eigene Immobilien kontrollierte, sicherte sich zugleich die Zapfhähne.

1929 besaß das Unternehmen nach historischen Untersuchungen zwölf Liegenschaften in Düsseldorf, Neuss, Krefeld und Duisburg. In einer damaligen Festschrift wurde Schwabenbräu bereits zu den bedeutendsten Brauereien Westdeutschlands gezählt.

Und dann kam Schlösser.

1932 übernahm Schwabenbräu die Brauerei Schlösser in der Altestadt. Anders als bei manchen Firmenübernahmen verschwand der traditionsreiche Name jedoch nicht. Schlösser Alt war viel zu stark mit Düsseldorf verbunden. Stattdessen entstand unter dem Dach von Schwabenbräu eine bemerkenswerte Bierfamilie: Auf der einen Seite die untergärigen STUBS-Biere, Pils und Export, auf der anderen Seite das obergärige Schlösser Alt.

Dass ein einziges Düsseldorfer Brauereiunternehmen gleichzeitig Pils, Export und Alt vermarktete, bringt unsere historische Bierlandschaft eigentlich perfekt auf den Punkt.

Schwabenbräu versuchte sogar, den Düsseldorfer Biermarkt über die Stadtgrenze hinaus offensiv zu erweitern. 1939 kaufte die Gesellschaft ein Haus mit Schankwirtschaft an der Kämmergasse in Köln. Das war kein Zufall, sondern Teil der Absatzstrategie. Düsseldorfer Bier sollte auch in der Domstadt getrunken werden.

Die Geschichte endete dort allerdings abrupt. In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 wurde das Gebäude bei einem schweren Luftangriff zerstört. Mehr als sieben Jahrzehnte später stießen Archäologen bei Ausgrabungen auf den ehemaligen Keller – und auf jenes alte Fass mit dem Schriftzug „Düsseldorf 1755“.

So wurde aus einem archäologischen Fund plötzlich ein greifbares Stück Düsseldorfer Brauereigeschichte.

Auch Schwabenbräu selbst musste Kriegsschäden und die schwierigen Nachkriegsjahre bewältigen. Das Unternehmen blieb jedoch ein Schwergewicht. Die Münsterstraße war längst ein bedeutender Brauereistandort, und die Familie Kels-Wiedemeyer hatte auch in Derendorf Spuren hinterlassen, die über Bier hinausgingen. Heinrich Wiedemeyer engagierte sich kommunalpolitisch und sozial, die Familie unterstützte Mitarbeiter und deren Familien, richtete Erholungsmöglichkeiten ein und gehörte zu jenen Unternehmerfamilien, deren Betrieb und Stadtteil eng miteinander verbunden waren.

In den 1950er- und 60er-Jahren begegnete man Schwabenbräu überall. STUBS war ein bekanntes Flaschenbier. Schlösser Alt gehörte zum gleichen Unternehmensverbund. Reklamen, Bierdeckel, Gaststättenbeschriftungen und Gläser trugen die Namen. Noch heute tauchen solche Stücke regelmäßig in Düsseldorfer Sammlungen auf.

Dann begann die nächste große Konzentrationswelle.

Ende der 1960er-Jahre rückten Schwabenbräu und Dieterich-Hoefel immer enger zusammen. Beide gehörten zu den größten Düsseldorfer Brauereien, beide benötigten moderne Produktionskapazitäten. Während Dieterich-Hoefel an der Duisburger Straße räumlich kaum noch wachsen konnte, besaß Schwabenbräu an der Münsterstraße die notwendigen Flächen.

1969 wurde deshalb der Grundstein für eine gemeinsame Großbrauerei gelegt. Ab 1970 sollten dort die verschiedenen Marken beider Unternehmen unter einem Dach entstehen. Bemerkenswert ist die damalige Beschreibung des künftigen Sortiments: Gebraut werden sollten die Altbiere Dieterich und Schlösser sowie die „hellen STUBS-Biere“.

Wieder stehen in einem einzigen Satz Alt und helle Biere selbstverständlich nebeneinander.

Die beiden Firmen blieben zunächst rechtlich selbstständig, zentralisierten jedoch ihre Produktion. 1972 folgte der formelle Zusammenschluss von Schwabenbräu und Dieterich-Hoefel zum Düsseldorfer Brauerhaus. Der Betrieb an der Münsterstraße wurde zu einer gewaltigen Anlage ausgebaut. Mitte der 1970er-Jahre war sie auf eine mögliche Jahresproduktion von bis zu zwei Millionen Hektolitern ausgelegt und gehörte zu den modernsten Braustätten der Bundesrepublik.

Damit war vom alten Gasthaus „Zu den sieben Schwaben“ äußerlich nichts mehr übrig.

Aus einer kleinen Derendorfer Hausbrauerei war innerhalb von knapp zwei Jahrhunderten ein Industriebetrieb geworden, der theoretisch hunderte Millionen Liter Bier im Jahr produzieren konnte.

1974 verschwand schließlich auch der Name Schwabenbräu aus der Unternehmensbezeichnung. Das Düsseldorfer Brauerhaus wurde in Brauerei Schlösser umbenannt. Schlösser Alt war inzwischen die wichtigste Düsseldorfer Marke des Verbundes und sollte den weiteren Weg bestimmen. Der große Standort an der Münsterstraße arbeitete noch bis Anfang der 2000er-Jahre weiter, bevor auch diese Produktion geschlossen wurde.

Damit endete eine erstaunliche Entwicklung.

Das Haus „Zu den sieben Schwaben“ hatte als obergärige Dorf- und Gasthausbrauerei begonnen. Unter Kels und Wiedemeyer wurde daraus eine moderne Großbrauerei, die sich bewusst der untergärigen Bierwelt öffnete. Schwabenbräu produzierte Pils und Export, entwickelte mit STUBS eine weithin sichtbare Marke, kaufte andere Brauereien und brachte schließlich sogar das obergärige Schlösser Alt unter das eigene Dach.

Vielleicht verkörpert kein anderes Unternehmen unserer bisherigen Serie so deutlich, warum die vereinfachte Erzählung von Düsseldorf als reiner Altbierstadt historisch nicht funktioniert.

Schwabenbräu war Düsseldorf.

Und Schwabenbräu war Pils, Export und helles Bier genauso selbstverständlich wie später Schlösser Alt.

Heute ist der Name aus dem Alltag praktisch verschwunden. Wer nach Schwaben Bräu sucht, landet schnell bei einer bis heute bestehenden Stuttgarter Brauerei gleichen Namens – mit der alten Düsseldorfer Schwabenbräu hat sie nichts zu tun. Die Düsseldorfer Marke lebt vor allem noch auf Bierdeckeln, Gläsern, Reklameschildern, alten Aktien und in den Erinnerungen einer Generation weiter, für die STUBS einmal ganz selbstverständlich zum Getränkemarkt oder zur Stammkneipe gehörte.

Und genau diese Erinnerungen suchen wir diesmal.

Wer hat STUBS noch selbst getrunken? Pils oder Export? Wer erinnert sich an Schwabenbräu Export oder an die große Brauerei an der Münsterstraße? Haben Eltern oder Großeltern dort gearbeitet? Gibt es noch originale Flaschen, Gläser, Bierdeckel, Kästen, Emailschilder oder Fotos des Betriebes?

Und vor allem interessiert uns diesmal eine Geschmacksfrage: Wer kann noch beschreiben, wie STUBS geschmeckt hat?

Denn mit Schwabenbräu verschwand nicht nur eine Brauerei.

Es verschwand eine ganze Düsseldorfer Bierwelt.

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