HIRSCHBRAUEREI: VOM KLEINEN HIRSCHCHEN ZUM DÜSSELDORFER BRAURIESEN

☝️🫵👉 HIRSCHBRAUEREI: VOM KLEINEN HIRSCHCHEN ZUM DÜSSELDORFER BRAURIESEN
☝️🫵👉 HIRSCHBRAUEREI: VOM KLEINEN HIRSCHCHEN ZUM DÜSSELDORFER BRAURIESEN

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Es gibt verschwundene Düsseldorfer Brauereien, deren Namen heute selbst vielen älteren Düsseldorfern kaum noch etwas sagen. Bei der Hirschbrauerei ist das besonders erstaunlich. Denn dieses Unternehmen war nicht irgendein kleiner Betrieb am Rand der Stadt. An der Tußmannstraße stand einmal eine der bedeutenden Düsseldorfer Brauereien, deren Bier in unzähligen Gaststätten ausgeschenkt wurde und deren bekannteste Marke, Düssel-Alt, über Jahrzehnte zum Stadtbild gehörte. Ihre Geschichte beginnt allerdings nicht mit Fabrikhallen und Flaschenabfüllung, sondern mit einem kleinen Wirtshaus in Pempelfort.

Schon im 18. Jahrhundert gab es in unmittelbarer Nähe des Jägerhofs eine Wirtschaft „Im Hirsch“. 1836 eröffnete Johann Conrad Fusbahn auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Brauerei und Gaststätte „Zum neuen Hirsch“. Das niedrige Haus bekam im Düsseldorfer Volksmund schnell einen wesentlich liebevolleren Namen: Hirschchen. Dieser Name sollte die Jahrhunderte besser überstehen als fast alles andere, was später aus der Brauerei hervorging.

1868 übernahm Joseph Lichtschlag die Bierbrauerei. Zeitgenössische Berichte beschreiben gemütliche Stuben, einen schattigen Garten und ein Publikum, das weit über die unmittelbare Nachbarschaft hinausging. Künstler aus dem Umfeld des Malkastens, Brauchtumsfreunde, Bürger und Honoratioren trafen sich dort zum obergärigen Bier. Im sogenannten Hirschpark, einem Zimmer des Hauses, hatten sich Düsseldorfer Künstler sogar mit großformatigen Porträts und Karikaturen an den Wänden verewigt. Das Hirschchen war damit schon früh mehr als eine Wirtschaft. Es war einer jener Orte, an denen Düsseldorfer Gesellschaft, Kunst und Bierkultur ganz selbstverständlich ineinandergriffen.

Während das Stammhaus seinen Ruf als geselliger Treffpunkt festigte, veränderte sich jedoch das Braugewerbe grundlegend. Düsseldorf wuchs zur Großstadt, Bier wurde zunehmend in Flaschen verkauft und technische Kühlung machte Produktionen möglich, die mit einer klassischen Hausbrauerei kaum noch zu bewältigen waren. 1897 entstand deshalb mit Lichtschlag und dem Braumeister Georg Tiegelkamp die Hirschbrauerei Lichtschlag & Co. an der Tußmannstraße. Aus dem Wirtshausbier entwickelte sich ein industrieller Braubetrieb. 1911 wurde das Unternehmen in die Hirschbrauerei AG umgewandelt.

Der Standort an der Tußmannstraße 41 stand für eine völlig andere Dimension des Brauens. Hier ging es nicht mehr nur darum, die eigene Gaststube zu versorgen. Die Hirschbrauerei verfügte über moderne Produktions- und Kühltechnik, Flaschenabfüllung und erhebliche Lagerkapazitäten. Neben Bier wurden zeitweise auch Malz, Eis und alkoholfreie Getränke hergestellt. Gerade die Eisproduktion war in einer Zeit, in der Kühlschränke noch keineswegs selbstverständlich waren, ein wichtiger Teil des Geschäfts. Ältere Berichte erinnern an große Kälteanlagen und Stangeneis, das von Brauereien und Gastwirten benötigt wurde.

Auch bei den Biersorten zeigt die Hirschbrauerei, wie vielfältig die Düsseldorfer Bierwelt einmal war. Ihr bekanntestes Produkt wurde Düssel-Alt, ausdrücklich als obergäriges Altbier beworben und mit dem Slogan „Das Bier mit dem Radschläger“ eng an die Stadt gebunden. Daneben gab es jedoch West-Pils und Edelkristall Spezialbier. Eine erhaltene Werbung aus den 1950er-Jahren zeigt diese drei Marken nebeneinander. Damit haben wir erneut einen klaren Beleg dafür, dass Düsseldorf historisch keineswegs nur dunkles obergäriges Bier kannte. Alt, Pils und weitere Spezialbiere existierten selbstverständlich nebeneinander.

Besonders bedeutend wurde die Hirschbrauerei während des Ersten Weltkriegs. Rohstoffe wurden knapp, Kupferanlagen mussten abgegeben werden und viele kleine Düsseldorfer Brauereien standen vor dem Aus. Unter der Führung von Jakob Hubert Paefgen schlossen sich 1917 insgesamt 24 kleinere Brauereien aus Düsseldorf und Neuss zur Kriegsbraugemeinschaft der obergärigen Brauereien zusammen. Das Bier wurde fortan gemeinsam in der Hirschbrauerei hergestellt, während die einzelnen Häuser ihre Braurechte und damit ihre Selbstständigkeit behielten.

Dieser Zusammenschluss ist ein Schlüsselkapitel der Düsseldorfer Biergeschichte. Häuser wie Zum Schiffchen, Zur Sonne, Im Goldenen Ring, Zur Uel, die Goldene Rose, Heckhausen in Hamm und die Gebrüder Schmittmann in Niederkassel waren zeitweise Teil dieser Gemeinschaft. Einige nahmen später ihre eigene Produktion wieder auf, andere blieben angeschlossen oder verschwanden endgültig. Die Hirschbrauerei wurde damit für Jahre zum technischen Herzen einer ganzen Gruppe Düsseldorfer Brauereien.

Aus der Kriegsorganisation entwickelte sich später die Braugemeinschaft Düsseldorf. Die Hirschbrauerei überstand Inflation, Wirtschaftskrise und schwierige Zwischenkriegsjahre – etwas, das vielen kleineren Wettbewerbern nicht gelang. Gleichzeitig wurde der Industriebetrieb weiter modernisiert. In den 1930er-Jahren gehörte die Brauerei zu den etablierten Unternehmen der Stadt, während das alte Hirschchen weiterhin als gesellschaftlicher Treffpunkt bestand.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Die Lage der Brauerei nahe dem Güterbahnhof wurde ihr zum Verhängnis. Das Areal lag in einem für die Kriegswirtschaft wichtigen Verkehrsraum und wurde bei Luftangriffen schwer getroffen. 1942 musste die Produktion eingestellt werden. Auch das Hirschchen wurde 1943 zerstört. Was über Jahrzehnte gewachsen war, lag innerhalb kurzer Zeit in Trümmern.

Doch beide Geschichten gingen weiter. Im Hirschchen wurde zunächst unter einfachsten Bedingungen improvisiert, bevor 1955 ein Neubau eröffnet werden konnte. Die große Brauerei wiederum nahm im Oktober 1948 den Betrieb wieder auf. In der jungen Bundesrepublik begann für Düssel-Alt noch einmal eine große Zeit. Bier wurde wieder gebraucht – in Kneipen, auf Schützenfesten, im Karneval und bei den zahllosen Vereinsveranstaltungen einer Stadt, die ihren Alltag zurückgewann.

Die Hirschbrauerei verstand früh, dass Bier nicht nur über Geschmack verkauft wurde, sondern auch über Zugehörigkeit. Düssel-Alt wurde mit Düsseldorf, Brauchtum und dem Radschläger verbunden. Leitende Persönlichkeiten der Brauerei engagierten sich in Schützenvereinen und im Karneval. Erich Paefgen wurde 1951 sogar Düsseldorfer Karnevalsprinz. Hirsch und später Schlösser lieferten sich einen intensiven Wettbewerb um Gaststätten, Festzelte und öffentliche Sichtbarkeit. Wer in dieser Zeit durch Düsseldorf ging, begegnete Biermarken nicht nur an der Theke, sondern auf Fassaden, Leuchtreklamen, Fahrzeugen und Veranstaltungsschildern.

Noch Ende der 1960er-Jahre warb die Hirschbrauerei mit „Mein. Dein. Unser Düssel-Alt“ und mehr als 70 Jahren Altbiertradition. Fass- und Flaschenbier wurden gleichermaßen angeboten. Der Name Düssel-Alt war fest etabliert, und mit West-Pils sowie Edelkristall besaß das Unternehmen weiterhin eine breitere Produktwelt, als man sie heute mit einer Düsseldorfer Brauerei vielleicht erwarten würde.

Doch die deutsche Brauereilandschaft begann sich erneut zu verändern. Große Unternehmensgruppen gewannen Einfluss, kleinere und mittlere Brauereien verloren ihre Unabhängigkeit, und der Markt konzentrierte sich immer stärker. Auch die Hirschbrauerei geriet in diesen Prozess. Beteiligungen wechselten, die wirtschaftliche Eigenständigkeit schrumpfte, und 1974 endete schließlich der eigene Braubetrieb an der Tußmannstraße.

Düssel-Alt verschwand damit jedoch noch nicht sofort. Das Bier wurde im Lohnbrauverfahren weiter hergestellt, zeitweise unter anderem bei anderen Brauereien im Raum Düsseldorf. 1996 übernahm Peters & Bambach maßgebliche Anteile der Hirschbrauerei. Später wanderte die Produktion nach Monheim. Noch einmal sollte die alte Düsseldorfer Marke weiterleben, doch die große Zeit war längst vorbei. Anfang der 2000er-Jahre endete schließlich auch diese Geschichte.

Heute erinnert an den einstigen Industriebetrieb nur noch wenig. Die großen Produktionsanlagen an der Tußmannstraße sind verschwunden, Düssel-Alt findet man allenfalls noch auf alten Bierdeckeln, Gläsern, Emailschildern oder in Sammlungen. Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet der älteste und kleinste Name überlebt hat: das Hirschchen. An Alt-Pempelfort besteht bis heute ein Brauereiausschank dieses Namens und hält damit zumindest ein Stück jener Geschichte lebendig, die einst mit einem niedrigen Wirtshaus begann und später in einer großen Düsseldorfer Brauerei mündete.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragik und zugleich die Schönheit dieser Geschichte. Aus einem kleinen Hirschchen wurde eine Industrieanlage, aus einem lokalen obergärigen Bier wurde Düssel-Alt mit überregionalem Vertrieb – und am Ende verschwand die große Brauerei, während der alte Kneipenname blieb.

Jetzt seid ihr gefragt: Wer erinnert sich noch an Düssel-Alt? Wer hat West-Pils oder Edelkristall getrunken? Wer kannte die Brauerei an der Tußmannstraße oder jemanden, der dort gearbeitet hat? Und gibt es bei euch noch originale Gläser, Etiketten, Bierdeckel, Leuchtreklamen oder Fotos?

Gerade bei der Hirschbrauerei dürfte Düsseldorf noch eine ganze Menge Erinnerungen in Kellern, Schränken und Fotoalben versteckt haben.

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