
☝️🫵👉 IM GOLDENEN KESSEL: ALS AUF DER BOLKERSTRASSE NOCH SELBST GEBRAUT WURDE
Wer heute in den Goldenen Kessel auf der Bolkerstraße 44 geht, bestellt Schumacher Alt und sitzt in einem der bekanntesten Brauereiausschänke der Düsseldorfer Altstadt. Viele wissen, dass das Haus zu Schumacher gehört. Deutlich weniger bekannt ist jedoch, dass der Goldene Kessel selbst einmal eine eigenständige Brauerei war – mit eigenem Sudbetrieb mitten auf der Bolkerstraße.
Die Geschichte des Hauses reicht weiter zurück als die Verbindung zu Schumacher. Bereits im 19. Jahrhundert befand sich an der heutigen Nummer 44 eine Gastwirtschaft, die später zur Gasthofbrauerei ausgebaut wurde. Ende des Jahrhunderts gehörte sie Carl Mentzen. Damit war der Goldene Kessel Teil jener beinahe verschwundenen Düsseldorfer Welt, in der in zahlreichen Gaststätten nicht nur ausgeschenkt, sondern unmittelbar hinter oder unter den Gasträumen auch gebraut wurde.
1902 änderte sich die Geschichte des Hauses grundlegend. Ferdinand Schumacher II., Sohn von Ferdinand Schumacher I., kaufte die Bierbrauerei und Gaststätte Goldener Kessel von seinem Onkel Carl Mentzen. Sein Bruder Fritz hatte im selben Jahr die elterliche Schumacher-Brauerei an der Oststraße übernommen. Für einige Jahre existierten damit zwei eng miteinander verbundene Schumacher-Braustätten in Düsseldorf: die große Familienbrauerei an der Oststraße und der Goldene Kessel mitten in der Altstadt.
Ferdinand II. blieb nicht bei der vorhandenen Gaststätte stehen. Auch das benachbarte Haus Bolkerstraße 46 kam hinzu, die Gebäude wurden umgebaut und der Braubetrieb modernisiert. Im Nachbarhaus entstand unter anderem das kleine Kesselstübchen. Wer damals über die Bolkerstraße ging, betrat also nicht nur einen Ausschank, sondern eine echte Altstadtbrauerei.
Was dort vor der Übernahme durch Schumacher genau im Glas landete, können wir heute leider nicht vollständig rekonstruieren. Für die Zeit Carl Mentzens ist bislang keine belastbare Sortenliste aufgetaucht. Deshalb wäre es unseriös, dem Goldenen Kessel rückwirkend einfach Alt, Helles, Lager oder Bock zuzuschreiben. Sicher ist dagegen, dass nach der Übernahme das obergärige Bier der Familie Schumacher auch hier gebraut wurde – also jene Brautradition, aus der das heutige Schumacher Alt hervorgegangen ist.
Gerade dieser Punkt ist für unsere Serie wichtig. Nicht jede alte Düsseldorfer Brauerei hinterließ eine sauber erhaltene Getränkekarte oder ein vollständiges Etikettenarchiv. Oft kennen wir Gebäude, Besitzer und Brautechnik wesentlich besser als die konkrete Sortenpalette. Beim Goldenen Kessel wissen wir aber: Bis 1925 wurde an der Bolkerstraße tatsächlich gebraut. Erst danach wurde das Haus zu dem, was es im Kern heute noch ist – ein Brauereiausschank.
Zuvor war allerdings noch einmal einiges passiert. 1919 kaufte Ferdinand Schumacher II. seinem Bruder Fritz die Brauerei an der Oststraße ab. Das Schumacher-Unternehmen wurde damit wieder unter einer Leitung zusammengeführt. Wenige Jahre später platzten Brauerei und Gaststuben dort aus allen Nähten. 1924 kaufte man das Nachbargrundstück Oststraße 125 hinzu und erweiterte die Produktionsanlage erheblich.
Nach Abschluss dieser Arbeiten war die Entscheidung gefallen: Der eigentliche Braubetrieb wurde auf der Oststraße konzentriert. 1925 endete das Brauen im Goldenen Kessel.
Damit verschwand zwar der Sudkessel aus der Bolkerstraße, aber keineswegs das Bier. Fortan wurde der Goldene Kessel als Schumacher-Brauereiausschank weitergeführt und von der Oststraße beliefert. Diese Trennung zwischen Produktionsstätte und traditionsreichem Ausschank prägt das Haus bis heute.
Doch der Goldene Kessel ist nicht nur wegen seiner Biergeschichte bemerkenswert. In seinen Räumen wurde auch ein kleines Stück Düsseldorfer Universitätsgeschichte geschrieben.
Im Frühjahr 1919 trafen sich hier Düsseldorfer Medizinstudierende, darunter Erna Schlossmann, die spätere Kinderärztin Erna Eckstein-Schlossmann. Nach dem Ersten Weltkrieg wollten sie erreichen, dass in Düsseldorf wieder ein vollständiger klinischer Studienabschnitt möglich wurde. Im Goldenen Kessel entstand eine Denkschrift beziehungsweise ein studentischer Antrag an die zuständigen Stellen. Noch im Juli 1919 erhielt die Akademie für praktische Medizin die Genehmigung für klinischen Unterricht und das Staatsexamen. Aus dieser Entwicklung ging wenige Jahre später die Medizinische Akademie hervor – eine wichtige Vorstufe der heutigen Heinrich-Heine-Universität.
Seit 1968 erinnert eine Gedenktafel am Haus an diese Versammlung.
Auch Heinrich Heine begegnet einem im Goldenen Kessel. Nach der Überlieferung des Hauses wurde hier die erste öffentlich zugängliche Büste des in Düsseldorf geborenen Dichters aufgestellt. Bis heute schaut Heine gewissermaßen auf das Treiben in der Gaststube. Kunst, Medizin, Brauchtum und Bier – im Goldenen Kessel lagen sie erstaunlich dicht beieinander.
Dann kam der Krieg.
Am 10. September 1942 wurde der Goldene Kessel bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Wenige Monate später traf es auch das Schumacher-Stammhaus an der Oststraße schwer; dort blieb zumindest die eigentliche Brauerei weitgehend erhalten. Für die Bolkerstraße bedeutete der Angriff dagegen das Ende des historischen Hauses.
Doch Düsseldorf baute wieder auf.
1948 entstand zunächst ein provisorischer Goldener Kessel. Zehn Jahre später, 1958, wurde daraus ein vollständiger Neubau, der die Grundstücke Bolkerstraße 44 und 46 wieder zu einem gemeinsamen Gastronomiebetrieb verband. Dieses Haus bildet im Wesentlichen die Grundlage des heutigen Goldenen Kessels, auch wenn es später mehrfach modernisiert wurde – unter anderem 1994 und nochmals umfassend 2007.
Und das Bier?
Heute wird hier weiterhin Schumacher Alt ausgeschenkt, das klassische obergärige Hausbier mit 4,6 Prozent Alkohol. Dazu kommt das 1838er, seit 2013 eine modernere, stärker aromengehopfte Interpretation des Altbiers mit 5,0 Prozent. Dreimal jährlich – im März, September und November – gibt es außerdem das kräftigere Latzenbier mit 5,5 Prozent. Bis 2013 gehörte auch das deutlich leichtere Schumacher Jung zur Bierfamilie.
Diese Sorten werden allerdings längst nicht mehr im Goldenen Kessel gebraut. Der Sud entsteht im Stammhaus an der Oststraße. Wenn im November beim Latzenbier im Kessel die Gläser über die blanken Tische wandern, lebt deshalb eine alte Verbindung weiter: gebraut wird woanders, aber getrunken wird an einem Ort, der selbst einmal Brauerei war.
2002 feierte der Goldene Kessel sein hundertjähriges Jubiläum als Schumacher-Haus. Damit gehört er mittlerweile länger zur Familie Schumacher, als viele andere Düsseldorfer Brauereien überhaupt existierten.
Vielleicht ist genau das das Faszinierende an diesem Ort. Der Goldene Kessel hat seine Funktion mehrfach verändert, ohne seine Seele zu verlieren. Erst Gasthaus, dann Gasthofbrauerei, anschließend Schumacher-Brauerei, später reiner Brauereiausschank. Er wurde zerstört, provisorisch wiedereröffnet, neu gebaut und modernisiert – und trotzdem steht auf der Bolkerstraße noch immer ein Haus, in dem Düsseldorfer zusammenrücken, der Köbes die nächste Runde bringt und ein kleiner Strich auf dem Bierdeckel aus einem Alt irgendwann drei macht.
Und jetzt wollen wir eure Erinnerungen hören.
Wer kennt den Goldenen Kessel noch aus den 1950er-, 60er- oder 70er-Jahren? Wer erinnert sich an Schumacher Jung? Wer war schon bei einer Latzenbier-Runde dabei? Und gibt es in euren Familien vielleicht sogar noch Geschichten aus der Zeit, als auf der Bolkerstraße tatsächlich gebraut wurde?
Vielleicht besitzt jemand alte Fotos, Bierdeckel, Gläser, Speisekarten oder Aufnahmen des Goldenen Kessels vor dem Krieg.
Zeigt sie uns und erzählt die Geschichten dahinter.
Denn manchmal sitzt man mitten in Düsseldorf an einem Tisch – und merkt gar nicht, wie viel Stadtgeschichte darunter liegt.
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