
☝️🫵👉 GEBRÜDER SCHMITTMANN: ALS IN NIEDERKASSEL NICHT NUR KORN GEBRANNT, SONDERN AUCH BIER GEBRAUT WURDE
Wenn in Düsseldorf der Name Schmittmann fällt, denken die meisten zuerst an Korn, Boonekamp und an jene linkrheinische Adresse, die für viele längst zum festen Stadtgedächtnis gehört. Das ist verständlich – und doch erzählt der Name Schmittmann noch eine zweite, heute fast vergessene Geschichte. Denn bevor die Familie vor allem als Brennerdynastie bekannt wurde, gehörte sie auch in unsere Reihe der Düsseldorfer Brauereigeschichte. Auf dem Gelände in Niederkassel wurde nämlich bis in den Ersten Weltkrieg hinein nicht nur gebrannt, sondern auch gebraut.
Gerade das macht Schmittmann für diese Serie so spannend. Es ist keine der klassischen Altstadt-Hausbrauereien, deren Name bis heute über dem Ausschank prangt. Und es ist auch keine große Industriebrauerei wie Gatzweiler oder Dieterich-Hoefel. Schmittmann ist vielmehr einer jener Grenzfälle, an denen man besonders gut erkennt, wie eng Brauen, Brennen, Landwirtschaft, Handel und Gastwirtschaft früher zusammengehörten. Wer heute die Niederkasseler Straße entlanggeht, sieht einen traditionsreichen Betrieb. Was kaum noch sichtbar ist: Hier wurde über Generationen hinweg mit Getreide gearbeitet – für Bier genauso wie für Brände.
Die Geschichte der Familie am Ort reicht mindestens bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Die heutige Edel-Brennerei Schmittmann nennt das Jahr 1818 als offizielle Gründung. Damals wird Adelheid Schmittmann erstmals als Branntweinbrennerin im Steuerregister genannt. Das allein wäre schon eine bemerkenswerte Geschichte, denn weibliche Betriebsinhaberinnen treten in solchen frühen Wirtschaftsbiografien viel seltener ins Licht, als sie tatsächlich vorhanden waren. Der Standort in Niederkassel war klug gewählt: direkt am Rhein, in einer damals noch ländlich geprägten Gegend, die zugleich eng mit Düsseldorf verbunden war.
Im 19. Jahrhundert wuchs der Betrieb Schritt für Schritt. Die Familie blieb nicht einfach bei einer kleinen Dorfbrennerei stehen. 1860 erwarb Schmittmann den Maurenbrecher Hof, ein historisch bedeutendes Anwesen in Niederkassel, das zuvor unter anderem als Poststation gedient hatte. Damit vergrößerte sich nicht nur das Gelände, sondern auch der wirtschaftliche Radius des Unternehmens. Schmittmann wurde zu einem festen Namen im linksrheinischen Dorfleben, lange bevor Niederkassel ein Düsseldorfer Stadtteil mit gehobener Wohnadresse wurde.
Für unsere Brauereiserie ist jedoch vor allem eine andere Spur wichtig. In den Düsseldorfer Heimatblättern wurde 1961 ausdrücklich festgehalten, dass die bekannte Brennerei und Likörfabrik Schmittmann bis in den Ersten Weltkrieg hinein auch gebraut habe. Erwähnt wird dabei sogar ein tiefer Eiskeller auf der anderen Rheinseite gegenüber dem damaligen Ausstellungsgelände. Im Winter sei dieser mit Natureis des Rheins gefüllt worden. Schon dieses Detail öffnet sofort ein ganzes historisches Fenster: Bierbrauen vor moderner Kühltechnik bedeutete immer auch Lagerung, Eisgewinnung und viel körperliche Arbeit. Ein Eiskeller war kein romantisches Accessoire, sondern Teil der technischen Grundlage des Betriebs.
Man muss sich das einmal vorstellen. Wo heute viele Niederkassel vor allem an Korn, Gin oder den Kräuterlikör denken, wurde früher im Winter Natureis eingelagert, damit Bier über die warmen Monate hinweg kühl und lagerfähig blieb. Das ist echtes altes Brauhandwerk, mitten am Rhein, auf der linken Seite Düsseldorfs.
Welche Biersorten bei Schmittmann genau gebraut wurden, ist nach heutigem Stand allerdings nicht sauber genug belegt, um hier mehr zu behaupten als die Quellen hergeben. Wir wissen, dass gebraut wurde. Wir wissen, dass ein Eiskeller dafür genutzt wurde. Wir wissen auch, dass die linke Rheinseite und die Düsseldorfer Umgebung damals stark von kleineren Brau- und Gastwirtschaftsbetrieben geprägt waren. Aber eine belastbare historische Sortenliste – also etwa Alt, Lager, Helles oder Bock – konnten wir für Schmittmann bislang nicht finden. Und genau das gehört zu dieser Serie ebenfalls dazu: lieber eine Lücke ehrlich benennen, als im Rückblick eine schöne, aber unbelegte Geschichte daraus zu machen.
Trotzdem spricht vieles dafür, dass Schmittmann Teil jener breiten alten Bierkultur war, in der die Grenzen zwischen den heute so streng getrennten Kategorien fließender waren als man denkt. Wer Getreide verarbeitete, wer über Keller, Hof, Fässer und Transportwege verfügte, bewegte sich in einer Welt, in der Brauen und Brennen sich nahe waren. Dass ausgerechnet Schmittmann bis heute als Spirituosenbetrieb überlebt hat, während der Bierzweig verschwand, ist also keineswegs selbstverständlich. Es hätte historisch auch andersherum kommen können.
Interessant ist zudem die Verbindung in die Düsseldorfer Altstadt. In den Düsseldorfer Heimatblättern von 1938 wird erwähnt, dass die Brauerei Im Anker auf der Bolkerstraße 35 durch Kauf an Michael Schmittmann in Niederkassel überging. Auch das ist ein starker Hinweis darauf, dass die Familie nicht nur lokal am linken Rheinufer wirtschaftete, sondern ausdrücklich auch in der Düsseldorfer Brau- und Gaststättenwelt mitspielte. Schmittmann war also mehr als ein reiner Brennereiname. Der Familienname taucht dort auf, wo Bier, Ausschank und Stadtleben zusammenliefen.
Dann kam der Einschnitt des Ersten Weltkriegs. Wie viele andere Betriebe musste auch Schmittmann wertvolle kupferne Geräte und Einrichtungen abliefern. Der Betrieb kam ins Stocken, und nach dem Krieg verlagerte sich der Schwerpunkt deutlich. Heinrich und Josef Schmittmann konzentrierten sich auf den Ausbau der Brennerei an der Niederkasseler Straße. Damit endete im Kern jene Phase, in der Schmittmann noch als Brauerei mitgedacht werden kann. Aus dem gemischten Betrieb wurde über die Jahrzehnte immer klarer die Brennerei, als die wir das Haus heute kennen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Hubert und Franz Josef Schmittmann das Unternehmen modern weiter. Später prägte Kurt Schmittmann den Betrieb und machte ihn weit über Niederkassel hinaus bekannt. Besonders eng ist der Name Schmittmann mit dem Düsseldorfer Samtkragen verbunden, bei dem ein Korn mit einem Schuss Boonekamp gekrönt wird. Das ist tiefes Düsseldorfer Brauchtum – und zugleich eine schöne Ironie der Geschichte: Eine Familie, die einst auch Bier braute, wurde später gerade über ihre Spirituosen zur städtischen Legende.
Der historische Ort selbst ist dabei bis heute geblieben. An der Niederkasseler Straße 106 produziert Schmittmann weiterhin. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Kornbrennerei befindet sich seit Jahrzehnten zudem das Brauhaus Joh. Albrecht. Auch das passt wunderbar zu dieser Geschichte. Das Bier ist an diesen Ort also gewissermaßen zurückgekehrt, wenn auch nicht als Wiederaufnahme der alten Schmittmann-Brauerei, sondern in neuer Form. Der Platz hat damit seinen Charakter als Getränkestandort nie ganz verloren.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität dieser Geschichte. Schmittmann ist keine verschwundene Brauerei, von der nur noch eine Anzeige und ein Adressbucheintrag geblieben sind. Schmittmann ist ein lebendiger Ort, dessen heutige Identität die ältere Biergeschichte fast überdeckt hat. Der Betrieb existiert noch. Das Gelände existiert noch. Viele Düsseldorfer kennen es. Und doch wissen wahrscheinlich die wenigsten, dass dort einmal auch Bier gebraut wurde.
Für unsere Brauereiserie ist das ein Glücksfall. Denn sie zeigt, dass Düsseldorfer Biergeschichte nicht nur in Altstadtfassaden und auf alten Bierdeckeln steckt. Sie steckt auch in Höfen, Eiskellern, Dorfstraßen und Familienunternehmen, die sich über zweihundert Jahre hinweg immer wieder neu erfunden haben.
Und jetzt sind wir neugierig auf eure Erinnerungen. Wer von euch verbindet mit Schmittmann noch mehr als nur Korn und Boonekamp? Gibt es in euren Familien Erzählungen über das alte Schmittmann-Gelände, über den Eiskeller, über Fässer, Fuhrwerke oder über Feste auf dem Hof? Und hat vielleicht jemand alte Fotos, Rechnungen, Gläser, Etiketten oder sonstige Stücke, die noch an die Brauerei-Zeit der Familie erinnern?
Schreibt es uns in die Kommentare. Gerade bei solchen Grenzgängern zwischen Bier- und Brennereigeschichte liegen die schönsten Erinnerungen oft nicht im Archiv, sondern in den Familien.
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