
☝️🫵👉 GATZWEILER: ALS AUS EINER ALTBIERFAMILIE EINE DER GRÖSSTEN BRAUEREIEN DÜSSELDORFS WURDE
Wer in Düsseldorf in den 1960er-, 70er- oder 80er-Jahren groß geworden ist, musste Gatzweiler nicht suchen. Gatz war einfach da. Auf Bierdeckeln, Reklameschildern und Straßenbahnen, in Kneipen, Vereinsheimen und bei Schützenfesten. Das Altbier gehörte so selbstverständlich zum Stadtbild, dass heute fast vergessen ist, wie groß die Brauerei dahinter einmal war. Auf ihrem Höhepunkt verkaufte sie mehr als eine halbe Million Hektoliter im Jahr. Gebraut wurde mitten in Heerdt, dort, wo heute vom damaligen Brauereialltag kaum noch etwas zu erkennen ist.
Die Geschichte beginnt allerdings nicht in einer modernen Fabrik, sondern mit einer Familie, deren Verbindung zum Brauwesen weit zurückreicht. Die Hausbrauerei Zum Schlüssel führt die Brautradition der Familie Gatzweiler bis ins Jahr 1313 zurück. Ein zeitgenössisches Porträt über Carl Gatzweiler aus den Düsseldorfer Heimatblättern erzählt, dass bereits sein Großvater eine kleine Landbrauerei in Bergheim am Niederrhein betrieb und die nächste Generation den Betrieb nach Neuss verlegte. Dort erwarb sich die Familie einen Namen als Brauerfamilie, bevor Carl Gatzweiler den entscheidenden Schritt nach Düsseldorf machte.
1936 übernahmen Carl Gatzweiler, seine Frau Maria und die Söhne Simon und Jakob die Hausbrauerei Zum Schlüssel auf der Bolkerstraße. Das war kein beiläufiger Erwerb irgendeiner Gaststätte. Das Haus hatte bereits seine eigene lange Braugeschichte. Der Gebäudekomplex ist seit dem 17. Jahrhundert belegt, seit 1850 wurde dort nachweislich gebraut, und 1913 hatte die Gaststätte den Namen Zum Schlüssel angenommen. Die Familie Gatzweiler investierte erheblich in Brauerei und Gasträume und eröffnete den renovierten Betrieb am Martinstag 1938 wieder.
Damit beginnt die eigentliche Düsseldorfer Gatzweiler-Geschichte.
Im Schlüssel wurde das traditionelle obergärige Düsseldorfer Bier gebraut und ausgeschenkt. Doch die Familie erkannte, dass sich Bier längst nicht mehr ausschließlich über den Ausschank im eigenen Brauhaus verkaufen ließ. Düsseldorf wuchs, der Handel veränderte sich und Flaschenbier wurde immer wichtiger. Neben dem stärker an das Stammhaus gebundenen Schlüssel Alt entwickelte sich deshalb Gatzweilers Alt zu einer eigenen Marke für einen wesentlich größeren Markt.
Dieser Unterschied ist wichtig. Schlüssel und Gatzweiler waren miteinander verwandt, aber nicht dasselbe Bier mit einem anderen Etikett. Schlüssel blieb die Marke des Altstadtbrauhauses. Gatzweilers Alt – später fast nur noch Gatz genannt – wurde zum Bier für Gastronomie, Handel und überregionalen Vertrieb. Aus einer traditionellen Hausbrauerei heraus entstand damit eine zweite, industrielle Erfolgsgeschichte.
Carl Gatzweiler erlebte deren ganz großen Durchbruch nicht mehr. Er starb 1953 im Alter von 70 Jahren. Die Düsseldorfer Heimatblätter zeichneten damals das Bild eines eher zurückhaltenden Brauers, dem Familie und der gute Ruf seines Hauses besonders wichtig gewesen seien. Seine Söhne Simon und Jakob führten das Unternehmen weiter – und machten daraus in wenigen Jahren eine Brauerei ganz anderer Größenordnung.
Der Wendepunkt kam 1963.
In Düsseldorf-Heerdt entstand eine neue Großbrauerei. Der Bürgerverein Heerdt beschreibt sie rückblickend als eine der modernsten Brauereien Europas. Allein diese Formulierung zeigt, welche Dimension der Neubau damals hatte. Das war keine romantische Hausbrauerei mit einigen Kupferkesseln hinter der Gaststube, sondern ein industrieller Produktionsbetrieb mit moderner Technik, großen Lagerkapazitäten und einer Infrastruktur, die darauf ausgelegt war, Düsseldorf und weit darüber hinaus mit Bier zu versorgen.
Und die Zahlen erzählen, wie explosionsartig das Geschäft wuchs.
1963 lag der Ausstoß bei rund 35.000 Hektolitern. Bereits 1964 waren es 50.000. 1967 erreichte Gatzweiler die Marke von 100.000 Hektolitern. Innerhalb von nur vier Jahren hatte sich die Produktion damit nahezu verdreifacht. 1977 folgte der historische Höhepunkt mit rund 530.000 Hektolitern.
Das sind 53 Millionen Liter Bier in einem einzigen Jahr.
Spätestens jetzt war Gatzweiler keine Düsseldorfer Hausbrauerei mehr, die zufällig etwas größer geworden war. Das Unternehmen gehörte zu den bedeutenden Altbierproduzenten seiner Zeit. Gatzweilers Alt wurde nicht nur im Rheinland getrunken, sondern bundesweit und auch im benachbarten Ausland verkauft. Noch 1984 schrieb die Düsseldorfer Heimatzeitschrift über mehr als 500.000 Hektoliter Absatz und darüber, dass die Marke weit über die Stadtgrenzen hinaus Freunde gefunden habe.
Dazu kam eine Werbepräsenz, an die sich viele Düsseldorfer noch erinnern dürften. Gatzweilers Alt fuhr gewissermaßen durch die Stadt: Straßenbahnen trugen großflächige Gatz-Werbung, Reklameschilder hingen an Gaststätten, grüne Gläser und Bierdeckel lagen auf unzähligen Theken. Auf alten Fassaden findet sich die Werbung teilweise noch Jahrzehnte später als sogenanntes Ghost Sign.
Geschmacklich positionierte sich Gatz klar als Altbier. Eine Werbung aus den 1980er-Jahren sprach von „herbwürziger Frische“ und bezeichnete Düsseldorf ausdrücklich als Heimat von Gatzweilers Alt. Anders als bei Dieterich-Hoefel, wo Helles, Pilsener und Alt nebeneinander belegt sind, konnten wir für die große Heerdter Gatzweiler-Produktion bislang keine vergleichbar breit dokumentierte Sortenpalette nachweisen. Belastbar belegt sind vor allem Gatzweilers Alt und zeitweise auch Schlüssel Alt, das ebenfalls in Heerdt produziert wurde.
Auch das gehört zur Geschichte unserer Serie: Düsseldorf war zwar insgesamt eine Stadt mit erstaunlich vielfältiger Bierlandschaft, aber nicht jede Brauerei braute alles. Gatzweiler setzte sehr konsequent auf das obergärige Altbier – und machte genau damit Millionenumsätze.
Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs auch die Verbindung der Familie zur Stadtgesellschaft. Besonders Simon Gatzweiler engagierte sich stark im Düsseldorfer Brauchtum und unterstützte unter anderem das Schützenwesen. Als er 1985 starb, war sein Name längst mehr als nur der eines Brauereibesitzers. Bereits 1986 erhielt der Platz an der Pariser Straße und dem Heerdter Lohweg seinen Namen: Simon-Gatzweiler-Platz. Bis heute erinnert dieser Platz daran, dass dort einmal eine Familie wirkte, deren Unternehmen Heerdt wirtschaftlich und gesellschaftlich mitprägte.
Doch die Erfolgskurve hielt nicht ewig.
Altbier geriet seit den späten 1970er- und besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren unter wachsenden Druck. Pils dominierte den deutschen Biermarkt immer stärker. Trinkgewohnheiten änderten sich, der Wettbewerb wurde härter und große Brauereigruppen gewannen an Einfluss. Was jahrzehntelang wie eine sichere Düsseldorfer Institution gewirkt hatte, begann zu schrumpfen.
Mitte der 1990er-Jahre brach der Absatz massiv ein. Die Familie entschied sich schließlich für einen radikalen Schnitt: Die Großbrauerei in Heerdt wurde aufgegeben, während das Stammhaus Zum Schlüssel in der Altstadt in Familienbesitz blieb.
1999 endete damit die eigenständige Geschichte der Privatbrauerei Gatzweiler in Heerdt.
Die Marke Gatzweilers Alt wurde an den Carlsberg-Konzern verkauft. Das Bier verschwand aber nicht sofort. Es wurde zunächst bei Hannen in Mönchengladbach und später bei Königshof in Krefeld gebraut. 2022 wechselte die Marke erneut den Besitzer: Die Privatbrauerei Bolten in Korschenbroich übernahm Gatz gemeinsam mit Hannen Alt.
So existiert Gatz bis heute – aber nicht mehr als Düsseldorfer Brauerei.
Das ehemalige Brauereigelände in Heerdt nahm unterdessen eine völlig neue Gestalt an. Nachdem die Nutzung in den 1990er-Jahren aufgegeben worden war, begann die Stadt mit der städtebaulichen Neuordnung des Areals. Auf dem Kerngrundstück der früheren Gatzweiler-Brauerei entstand schließlich der Vodafone-Campus, der 2012 eröffnet wurde.
Der Kontrast könnte kaum größer sein.
Wo früher Malz angeliefert wurde, Sudkessel liefen und Lastwagen Bierkisten ausfuhren, stehen heute Bürogebäude eines Telekommunikationskonzerns. Wer den Campus passiert und die Geschichte nicht kennt, würde kaum vermuten, dass hier einmal 53 Millionen Liter Bier im Jahr produziert wurden.
Nur wenige hundert Meter entfernt erinnert der Simon-Gatzweiler-Platz noch an den Namen. Und in der Altstadt lebt die andere Hälfte der Familiengeschichte weiter: Zum Schlüssel gehört bis heute der Familie Gatzweiler und braut wieder ausschließlich dort sein eigenes Schlüssel Alt.
Damit endet die Geschichte von Gatzweiler nicht einfach mit einer geschlossenen Fabrik. Sie teilt sich vielmehr in zwei Wege.
Der eine führt zurück in die Altstadt, zur kleinen Hausbrauerei und zum handwerklichen Schlüssel Alt.
Der andere führt über Gatz hinaus aus Düsseldorf – als Marke, deren Ursprung viele jüngere Biertrinker heute vielleicht gar nicht mehr kennen.
Für eine ganze Generation aber war Gatz etwas anderes.
Es war das Bier auf dem Tisch beim Schützenfest. Das Schild über der Stammkneipe. Die Reklame auf der Straßenbahn. Der Kasten im Keller. Ein alltäglicher Begleiter, über dessen Herkunft niemand nachdenken musste, weil selbstverständlich war, dass Gatz aus Düsseldorf kam.
Und genau deshalb wollen wir eure Erinnerungen.
Wer hat noch die Brauerei in Heerdt erlebt? Wer selbst dort gearbeitet – oder Eltern, Großeltern, Nachbarn oder Freunde gehabt, die bei Gatzweiler beschäftigt waren? Wer erinnert sich an die Bierwagen, die Abfüllung, den Geruch rund um die Brauerei oder an bestimmte Gatz-Kneipen?
Und vielleicht schlummert irgendwo noch das, was wir besonders suchen: alte Flaschen, Gläser, Bierdeckel, Emailschilder, Werbeanzeigen, Fotos vom Werk oder Aufnahmen von Gatz-beschrifteten Straßenbahnen.
Zeigt sie uns.
Denn Gatzweiler ist genau die Art Düsseldorfer Geschichte, die verschwinden kann, obwohl sich noch erstaunlich viele Menschen an sie erinnern.
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