☝️🫵👉 200 JAHRE SCHADOW: WIE DÜSSELDORF ZUR KUNSTSTADT WURDE
Wer heute über die Schadowstraße läuft, begegnet einem Namen, der für Düsseldorf weit mehr bedeutet als eine Einkaufsmeile. Vor 200 Jahren, 1826, übernahm Wilhelm von Schadow die Leitung der Kunstakademie. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Düsseldorf zu einem der wichtigsten Kunstzentren Europas – mit einer Strahlkraft, deren Spuren bis heute in Akademie, Museen, Künstlervereinen und sogar im Stadtplan zu finden sind.
Die Voraussetzungen waren einige Jahre zuvor geschaffen worden. 1819 war die Düsseldorfer Kunstakademie als Königlich-Preußische Kunstakademie neu begründet worden. Ihr erster Direktor Peter Cornelius etablierte einen mehrstufigen Studiengang. Schadow führte diese Entwicklung weiter, ergänzte unter anderem eine Meisterklasse und leitete die Akademie bis 1859. Unter seinem Direktorat wurde sie zur führenden deutschen Ausbildungsstätte für Malerei.
Aus dieser Zeit entstand das, was heute als Düsseldorfer Malerschule bezeichnet wird. Der Begriff meint weit mehr als einen bestimmten Malstil. Der Kunstpalast zählt mehr als 4.000 Künstlerinnen und Künstler, die zwischen 1819 und 1918 an der Akademie oder in ihrem Düsseldorfer Umfeld tätig waren. Historienmalerei, Porträts, Landschaften und Alltagsszenen entwickelten sich weiter – und Düsseldorf wurde zum Treffpunkt einer internationalen Kunstwelt.
In den 1850er- und 1860er-Jahren kamen Künstler aus Skandinavien, den USA, Russland und dem Baltikum an den Rhein. Einzelne reisten sogar aus Südamerika, Indien, Java, Iran oder Neuseeland nach Düsseldorf. Viele nahmen das hier Gelernte später mit in ihre Heimat und wirkten dort als Lehrer oder beim Aufbau neuer Kunstschulen. Die „Düsseldorfer Schule“ wurde damit tatsächlich zu einem internationalen Exportartikel.
Zum Erfolg gehörte allerdings mehr als die Akademie. 1829 entstand der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, dessen erster Direktor Schadow wurde. Ausstellungen, Ankäufe und später Wanderausstellungen sorgten dafür, dass Düsseldorfer Kunst weit über das Rheinland hinaus sichtbar wurde – bis nach Amerika und Australien. 1848 kam der Künstlerverein Malkasten hinzu. Künstler, Kunstinteressierte, Sammler und Käufer trafen aufeinander. Aus einer Ausbildungsstätte entwickelte sich ein ganzes kulturelles Netzwerk.
Auch das übrige Stadtleben wurde davon geprägt. Die Künstler standen im Austausch mit Theater, Literatur und Musik, mit Persönlichkeiten wie Karl Immermann, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann. Sie gestalteten Feste und Umzüge, Bühnenbilder, Illustrationen und sogenannte Lebende Bilder. Kunst spielte sich in Düsseldorf nicht nur hinter Museumstüren ab – sie wurde Teil des gesellschaftlichen Lebens.
Ganz ohne Schattenseite ist Schadows Geschichte allerdings nicht. Während Düsseldorf international Künstler anzog, schloss Schadow Frauen vom regulären Unterricht der Akademie aus. Künstlerinnen mussten auf kostspieligen Privatunterricht ausweichen. Auch deshalb lohnt sich 200 Jahre später ein differenzierter Blick: Schadow steht für den enormen Aufstieg der Düsseldorfer Kunstwelt – aber ebenso für die Grenzen der damaligen Institutionen.
Wie unmittelbar diese Geschichte bis heute reicht, zeigt ausgerechnet die Innenstadt. Schadow lebte am damaligen Flinger Steinweg; in der heutigen Schadowstraße erinnert nahe seinem ehemaligen Wohnhaus Nummer 56 ein Gedenkstein an den früheren Akademiedirektor. Kunstakademie, Kunstverein und Malkasten bestehen ebenfalls bis heute.
Das Jubiläumsjahr hat zudem ein besonderes Original nach Düsseldorf zurückgebracht. Schadows 1832 entstandenes Selbstbildnis gehört seit diesem Sommer dauerhaft zur Sammlung des Stadtmuseums. Die Stadt hatte das Werk 2013 an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Max Stern restituiert. Es blieb anschließend als Leihgabe in Düsseldorf und konnte 2026 vom Freundeskreis des Stadtmuseums erworben und dem Museum geschenkt werden.
Am Sonntag, 30. August, schlägt das Stadtmuseum noch einmal die Brücke in die Gegenwart. Um 12 Uhr endet an der Berger Allee 2 die Ausstellung „die düsseldorfer maler*innen in der schule“. Düsseldorfer Schülerinnen und Schüler haben sich darin mit Künstlern der Malerschule und den nach ihnen benannten Straßen beschäftigt. Autorin Christa Holtei erzählt bei der Finissage, wie Düsseldorf zur Stadt der Künstler wurde; Projektinitiatorin Inge Sauer führt durch die Ausstellung.
Vielleicht ist genau das Schadows stärkstes Vermächtnis: Nicht ein einzelnes Gemälde und nicht eine einzelne Straße, sondern die Idee, dass Kunst zu Düsseldorf gehört. Der heutige Ruf der Stadt mit Kunstakademie, Museen, Galerien und einer internationalen Kunstszene begann nicht allein mit Wilhelm von Schadow. Aber seine 33 Jahre an der Spitze der Akademie gehören zu den entscheidenden Kapiteln dieser Geschichte.
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