Die Ökonomie des Ehrenamts: Was Schützen der Gesellschaft wirklich wert sind
Beitrag 21 von 24
Es geht nicht nur um Tradition, Uniformen oder Festtage. Es geht um
Arbeit, Zeit, Verantwortung und einen Wert, der in keiner Vereinschronik
vollständig sichtbar wird.
Wenn über Schützen gesprochen wird, geht es fast immer um das
Sichtbare: Festzug, Uniform, Königspaar, Musik und Kirmes. Viel
seltener geht es um das, was man kaum sieht: die Stunden, die
Menschen investieren, damit ein Verein funktioniert. Dabei liegt
genau dort einer der stärksten Gründe, warum das Schützenwesen
mehr Respekt verdient.
Denn Ehrenamt ist kein schmückendes Beiwerk. Ehrenamt ist Arbeit. Es ist Zeit,
Organisation, Verantwortung, Geduld, Verlässlichkeit und manchmal auch
Frusttoleranz. Es ist der Anruf nach Feierabend, die Sitzung, die länger dauert als
geplant, der Aufbau am Samstagmorgen, die Reparatur im Vereinsheim, die
Begleitung der Jugend, der Besuch bei älteren Mitgliedern, die Kasse, die
Genehmigung, die Einladung, die Sicherheitsabsprache, das Gespräch mit Nachbarn,
die Abstimmung mit Behörden und die Bereitschaft, immer wieder einzuspringen,
wenn irgendwo eine Lücke entsteht.
Der Wert, den man nicht auf den ersten Blick sieht
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Vereinsarbeit oft unterschätzt, weil sie nicht
wie klassische Arbeit aussieht. Wer einen Raum vorbereitet, ein Fest organisiert,
einen Jugendlichen anleitet oder einen Senior besucht, schreibt keine Rechnung. Wer
eine Versammlung leitet, Protokolle führt oder eine Veranstaltung absichert, schickt
keine Stundenaufstellung an die Gesellschaft. Und doch entsteht dabei ein Wert, der
real ist.
Dieser Wert zeigt sich nicht nur in Euro und Stunden. Er zeigt sich darin, dass
Menschen nicht allein bleiben. Dass ein Stadtteil verlässliche Ansprechpartner hat.
Dass Kinder und Jugendliche Aufgaben bekommen. Dass ältere Mitglieder nicht
vergessen werden. Dass Veranstaltungen überhaupt stattfinden können. Dass
Tradition nicht als Dekoration herumsteht, sondern weitergegeben, erklärt und gelebt
wird.
Man merkt oft erst, wie viel Ehrenamt wert ist, wenn niemand mehr
da ist, der es macht.
Genau deshalb ist es zu einfach, Schützenvereine nur an ihrem sichtbarsten
Wochenende zu beurteilen. Wer nur den Festzug sieht, sieht nicht die Monate davor.
Wer nur das Zelt sieht, sieht nicht die Listen, Absprachen, Dienste und
Verantwortlichkeiten dahinter. Wer nur die Marschmusik hört, hört nicht die stillen
Gespräche, die ein Verein das ganze Jahr über führt.
Millionen Stunden, die niemand verkaufen will
Bundesweite Auswertungen zum organisierten Sport haben bereits gezeigt, welche
Größenordnung ehrenamtliches Engagement in Schützenvereinen erreichen kann. Die
Rede ist von Hunderttausenden ehrenamtlichen Positionen, von Millionen Stunden
Arbeit pro Monat und von einer Wertschöpfung, die sich auf viele Millionen Euro
beziffern lässt. Solche Zahlen sind beeindruckend. Aber sie erzählen nur die halbe
Wahrheit.
Denn eine Stunde im Ehrenamt ist mehr als eine verrechenbare Arbeitsstunde. Sie ist
freiwillig. Sie wird nicht aus Pflicht gegenüber einem Arbeitgeber geleistet, sondern
aus Bindung an eine Gemeinschaft. Genau darin liegt ihre besondere Kraft. Menschen
geben Zeit, weil ihnen etwas wichtig ist. Weil sie sich verantwortlich fühlen. Weil sie
wissen, dass ein Verein nicht von allein lebt.
Diese Arbeit ist nicht immer romantisch. Ehrenamt bedeutet nicht nur schöne
Momente, Applaus und gemeinsames Feiern. Ehrenamt bedeutet auch Tabellen,
Protokolle, Versicherungen, Kosten, Konflikte, Vorschriften, Absagen,
Nachwuchssorgen und die Frage, wer am Ende noch mit anpackt, wenn andere längst
nach Hause gegangen sind. Wer das ausblendet, versteht nicht, was ein Verein
tatsächlich leistet.
Ohne Ehrenamt wird Heimat teuer
Viele Dinge, die Schützenvereine leisten, müssten ohne sie anders organisiert werden.
Und sehr oft wären sie dann teurer, anonymer oder würden gar nicht stattfinden.
Begegnungsräume entstehen nicht von allein. Jugendarbeit entsteht nicht von allein.
Gedenkkultur entsteht nicht von allein. Seniorenarbeit, Nachbarschaftshilfe,
Festorganisation, Stadtteilveranstaltungen und kulturelle Pflege brauchen Menschen,
die Verantwortung übernehmen.
Man kann das nüchtern betrachten: Ehrenamt entlastet Kommunen, stärkt soziale
Strukturen und schafft Angebote, die der Staat nicht in dieser persönlichen Form
ersetzen kann. Man kann es aber auch menschlich betrachten: Ehrenamt sorgt dafür,
dass ein Viertel nicht nur verwaltet wird, sondern lebt.
Ein Schützenverein ist deshalb nicht einfach ein Verein mit Tradition. Er ist oft auch
ein kleines lokales Organisationszentrum. Dort gibt es Menschen, die wissen, wer Hilfe
braucht. Wer neu dabei ist. Wer krank war. Wer früher viel geleistet hat. Wer
jemanden zum Reden braucht. Wer eine Aufgabe übernehmen kann. Diese Nähe kann
keine Behörde produzieren. Sie wächst über Jahre.
Der Vorstand als stille Schaltzentrale
Besonders sichtbar wird die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung dort, wo
Verantwortung übernommen wird. Ein Vorstand führt keinen Verein nebenbei, auch
wenn es von außen manchmal so wirkt. Er plant, entscheidet, vermittelt, prüft, lädt
ein, rechnet, verantwortet und hält im Zweifel den Kopf hin. Das ist keine
folkloristische Rolle, sondern echte Organisationsarbeit.
Dazu kommen die vielen Menschen ohne großes Amt: Helferinnen und Helfer, die
Kuchen backen, Bänke schleppen, Gläser spülen, Jugendliche fahren, Musik
organisieren, Deko aufhängen, Plakate verteilen, Listen führen, Uniformteile
ausgeben, Räume reinigen oder einfach zur Stelle sind. Sie stehen selten vorne. Aber
ohne sie steht am Ende gar nichts.
Diese Menschen sind die eigentliche Infrastruktur des Brauchtums. Nicht die Fahne
allein trägt den Verein. Nicht das Festzelt. Nicht die Uniform. Getragen wird alles von
denen, die bereit sind, Zeit zu geben, obwohl sie auch etwas anderes tun könnten.
Warum Respekt mehr ist als Applaus
Wer über die Zukunft des Ehrenamts spricht, darf nicht nur Danke sagen. Danke ist
gut, aber es reicht nicht. Ehrenamt braucht Respekt, Nachwuchs, faire
Rahmenbedingungen und eine Öffentlichkeit, die genauer hinsieht. Wer jedes
Brauchtum vorschnell belächelt, trifft nicht nur eine alte Form. Er trifft Menschen, die
ihre Freizeit investieren, damit Gemeinschaft möglich bleibt.
Natürlich darf man Vereine kritisieren. Natürlich müssen sich auch Schützenvereine
weiterentwickeln. Aber Kritik sollte unterscheiden können zwischen äußerer Form und
innerer Leistung. Wer Uniformen nicht mag, kann trotzdem anerkennen, dass dort
Verantwortung getragen wird. Wer mit Marschmusik nichts anfangen kann, kann
trotzdem sehen, dass Menschen in diesen Vereinen Arbeit leisten, die einem Stadtteil
guttut.
Genau darin liegt der Punkt dieser Serie: Das Schützenwesen muss nicht idealisiert
werden, um wertvoll zu sein. Es muss nicht perfekt sein, um Respekt zu verdienen. Es
muss nur fair betrachtet werden. Und wer fair hinsieht, erkennt schnell: Hinter vielen
Festen steht kein Partykomitee, sondern ein Ehrenamtsapparat, der über Jahre,
manchmal über Generationen gewachsen ist.
Eine Gesellschaft lebt nicht vom Zuschauen
Unsere Städte brauchen Menschen, die sich einmischen, kümmern, organisieren und
Verantwortung übernehmen. Nicht nur in Krisen. Nicht nur, wenn die Kamera läuft.
Nicht nur, wenn es bequem ist. Vereine sind Orte, an denen genau das geübt wird:
verbindlich sein, mitmachen, auch dann bleiben, wenn es Arbeit macht.
Das ist vielleicht die wichtigste ökonomische Wahrheit des Ehrenamts: Sein Wert lässt
sich berechnen, aber nicht vollständig bezahlen. Denn was dort entsteht, ist mehr als
Arbeitsleistung. Es ist Vertrauen. Erfahrung. Zugehörigkeit. Erinnerung.
Verbindlichkeit. Ein Gefühl von Wir, das man nicht kurzfristig einkaufen kann.
Deshalb ist die Frage nicht, was ein Schützenverein die Gesellschaft kostet. Die
bessere Frage lautet: Was würde es kosten, wenn es diese Vereine nicht mehr gäbe?
Wenn niemand mehr Räume öffnet, keine Jugend mehr begleitet, kein Fest mehr
organisiert, keine Erinnerung mehr pflegt, keine Ämter mehr übernimmt und keine
Gemeinschaft mehr zusammenhält?
Die Antwort darauf steht in keiner einfachen Bilanz. Aber man spürt sie in jedem
Viertel, in dem Menschen noch wissen, dass Heimat nicht nur ein Ort ist. Heimat ist
Arbeit. Und sehr oft wird diese Arbeit von Ehrenamtlichen geleistet, die nicht fragen,
was sie dafür bekommen. Sondern was ohne sie fehlen würde.
#Schuetzenwesen #Brauchtum #Ehrenamt #Duesseldorf #Rheinland
#Vereinsleben #Gemeinschaft #Heimat #Stadtteilkultur #TraditionImWandel
#RespektFuerEhrenamt #D4Y #Duesseldorf4You
