
🔴⚪ DERBYSIEG IM HEXENKESSEL – FORTUNA DREHT DEN MSV, ABER NOCH IST NICHT ALLES GUT
Es war einer dieser Nachmittage, an denen man schon lange vor dem Anpfiff spürte, dass ein gewöhnliches Drittligaspiel nicht bevorstand. 49.325 Zuschauer verwandelten die Düsseldorfer Arena in einen Hexenkessel, Fortuna- und MSV-Anhänger lieferten sich auf den Tribünen ein gewaltiges akustisches Duell – und auf dem Platz entwickelte sich ein Straßenbahnderby, das lange von verpassten Chancen, dann von einem Schock und schließlich von purer Düsseldorfer Willenskraft lebte. Fortuna Düsseldorf besiegte den bis dahin verlustpunktfreien Tabellenführer MSV Duisburg mit 2:1 und feierte einen Erfolg, der sportlich wichtig war, emotional aber noch wesentlich größer wirkte.
Dabei hätte Fortuna dieses Spiel eigentlich bereits in der ersten Halbzeit in eine ganz andere Richtung lenken müssen. Düsseldorf war gegen den zuvor mit vier Siegen gestarteten MSV keineswegs die verunsicherte Mannschaft, die man nach dem schwierigen Saisonbeginn hätte erwarten können. Fortuna übernahm die Initiative, spielte mutig nach vorne und brachte insbesondere Anas Slimani immer wieder in gefährliche Situationen. Der 19-Jährige war der auffälligste Offensivspieler dieser Phase, hatte innerhalb der ersten halben Stunde gleich mehrere hochkarätige Möglichkeiten – und hätte mindestens eine davon nutzen müssen. Erst zwang er MSV-Keeper Maximilian Braune per Kopf zu einer Parade, dann stand er nach einer starken Kombination völlig frei vor dem Tor und verzog, wenig später scheiterte er erneut aus spitzem Winkel.
Genau darin zeigte sich allerdings auch eines der Probleme, das Fortuna durch die ersten Wochen dieser Saison begleitet hat: Aufwand und Ertrag stehen offensiv noch immer zu häufig in keinem vernünftigen Verhältnis. Düsseldorf war spielbestimmend, kam in gute Räume und beschäftigte die Duisburger Defensive, doch vor dem Tor fehlte die Konsequenz. Wer einen Tabellenführer derart unter Druck setzt, muss daraus mehr machen. Das 0:0 zur Pause war deshalb weniger Ausdruck eines ausgeglichenen Spiels als vielmehr das Ergebnis Düsseldorfer Verschwendung.
Und dann folgte unmittelbar nach Wiederanpfiff jene Szene, die eine Mannschaft nach einer guten ersten Hälfte komplett aus der Bahn werfen kann. Fortuna war gedanklich offenbar noch nicht wieder vollständig auf dem Platz, Duisburg kombinierte sich vom Anstoß weg durch die Düsseldorfer Reihen und Peter Remmert vollendete zum 0:1. Praktisch mit der ersten Aktion nach der Pause war die komplette Arbeit der ersten 45 Minuten entwertet.
Das darf einer Mannschaft auf diesem Niveau nicht passieren. Gerade gegen einen Tabellenführer muss nach dem Seitenwechsel höchste Konzentration herrschen. Stattdessen öffnete Fortuna dem MSV für wenige Sekunden Tür und Tor. Noch schwerer wiegt, dass Duisburg wenig später sogar die Möglichkeit zur Vorentscheidung bekam. Jan-Simon Symalla lief nach einem schnellen Angriff frei Richtung Düsseldorfer Tor, setzte seinen Abschluss jedoch vorbei. Beim 0:2 wäre dieses Derby vermutlich entschieden gewesen.
Doch genau an diesem Punkt zeigte Fortuna etwas, das in den vergangenen Wochen viel zu häufig vermisst worden war: Widerstandskraft. Die Mannschaft zerfiel nach dem Rückstand nicht, sie begann zu kämpfen. Vielleicht nicht immer schön, vielleicht nicht immer sauber – aber plötzlich mit einer Konsequenz und einer emotionalen Wucht, die auch von den Rängen immer weiter angefeuert wurde. Jeder gewonnene Zweikampf wurde gefeiert, jeder zweite Ball bekam Bedeutung und aus einem Fußballspiel entwickelte sich endgültig ein Derby.
Die Wechsel gaben Fortuna dabei zusätzliche Energie. Eric Hottmann kam in der 66. Minute – und nur wenig später fiel der Ausgleich. Nach einem langen Einwurf entstand Chaos im Duisburger Strafraum, Hottmann war mitten im Geschehen, und Fabian Schleusener reagierte am schnellsten. Der Angreifer stocherte den Ball in der 68. Minute zum 1:1 über die Linie. Kein herausgespieltes Kunstwerk, sondern ein Tor aus Beharrlichkeit, Präsenz und dem unbedingten Willen, diese Partie nicht verloren zu geben.
Fortuna wollte danach mehr. Und diesmal wurde dieser Mut tatsächlich belohnt. In der 86. Minute verlor Duisburg im Mittelfeld den Ball, Hottmann erkannte die Situation sofort, trieb ihn Richtung Strafraum und zog aus rund 17 Metern ab. Flach schlug der Ball ein – 2:1. Die Arena explodierte.
Was in diesem Moment auf den Tribünen geschah, lässt sich mit Drittligaatmosphäre kaum angemessen beschreiben. 49.325 Menschen bedeuteten die zweitgrößte Kulisse in der Geschichte der 3. Liga, nur 771 Zuschauer fehlten zum Rekord von Fortunas Aufstiegsspiel gegen Werder Bremen II im Jahr 2009. Aber Zahlen erzählen nur einen Teil dieser Geschichte. Die Lautstärke, die Anspannung, der riesige Duisburger Anhang auf der einen und die Düsseldorfer Wucht auf der anderen Seite machten dieses Derby zu einem Fußballnachmittag, der weit über die Liga hinausstrahlte. Selbst Alexander Ende brachte die Bedeutung hinterher auf den Punkt: „Eine Mannschaft braucht einen solchen Moment, braucht solche Big Points.“ Treffender lässt sich dieser Sieg kaum beschreiben.
Auch unter den Fortuna-Fans ist deshalb vor allem Erleichterung zu spüren. „Wow, hätte ich null erwartet“, heißt es in einer Reaktion. Noch deutlicher bringt ein anderer Anhänger auf den Punkt, was viele gesehen haben wollten: „Kampf und Leidenschaft … endlich.“ Und vielleicht ist der wichtigste Satz dieses Nachmittags sogar der schlichteste: „DAS ist meine Fortuna!“ Nach Wochen, in denen häufig über fehlende Durchschlagskraft und spielerische Probleme gesprochen wurde, sahen die Fans wieder eine Mannschaft, die sich gegen Widerstände stemmte und ein Spiel mit Mentalität auf ihre Seite zog.
Trotzdem wäre es falsch, sich von der emotionalen Wucht dieses Derbys blenden zu lassen. Fortuna hat nicht plötzlich alle Probleme beseitigt. Der Spielaufbau ist weiterhin nicht konstant genug, Angriffe laufen zu häufig durch enge zentrale Räume, die Chancenverwertung bleibt verbesserungswürdig und der Gegentreffer unmittelbar nach der Pause war ein kapitaler Konzentrationsfehler. Vor allem aber darf nicht übersehen werden, dass die beiden Düsseldorfer Tore weniger das Ergebnis dauerhaft dominanter spielerischer Lösungen waren als vielmehr Konsequenzen aus Standardsituation, zweitem Ball, gegnerischem Fehler und entschlossenem Umschalten.
Das ist keine Abwertung dieses Erfolges. Im Gegenteil: Spiele werden nicht ausschließlich mit taktischer Schönheit gewonnen. Sie werden auch mit Zweikämpfen, Mentalität und dem Glauben daran entschieden, dass sich eine Partie noch drehen lässt. Genau diese Eigenschaften haben Fortuna gegen Duisburg drei Punkte gebracht. Aber wer aus diesem Sieg ableitet, dass die spielerischen Baustellen verschwunden seien, macht es sich zu einfach.
Besonders interessant bleibt Anas Slimani. Der junge Fortune brachte eine Dynamik und Unbekümmertheit ins Düsseldorfer Offensivspiel, die der Mannschaft ausgesprochen guttat. Seine Laufwege waren gefährlich, er tauchte immer wieder in Abschlusspositionen auf und beschäftigte die Duisburger Defensive permanent. Seine Chancenverwertung war dagegen brutal ineffizient. Genau hier liegt der nächste Entwicklungsschritt: Aus einem auffälligen Talent muss ein Spieler werden, der solche Spiele mit seinen Möglichkeiten früh entscheidet. Dass viele Fans ihn dennoch als einen der stärksten Düsseldorfer wahrnahmen, spricht für den Eindruck, den seine Leistung hinterlassen hat.
Und dann ist da Eric Hottmann. 66 Minuten saß er zunächst draußen, anschließend veränderte seine Präsenz das Spiel. Beim Ausgleich war er mitten im Getümmel, beim Siegtreffer übernahm er selbst die Verantwortung. Sein 2:1 war nicht nur ein Tor. Es war der Moment, in dem sich Anspannung in Ekstase verwandelte und ein bis dahin schwieriger Saisonstart erstmals nach echter Aufbruchsstimmung aussah.
Fortuna hat damit aus den vergangenen drei Ligaspielen sieben Punkte geholt und nach den beiden Niederlagen zum Saisonstart erstmals eine kleine Serie aufgebaut. Das ist wichtig. Noch wichtiger aber könnte sein, wie dieser Sieg zustande gekommen ist. Gegen einen Tabellenführer, nach Rückstand, vor einer gigantischen Kulisse und unter erheblichem Druck hat diese Mannschaft nicht aufgegeben.
Vielleicht war das spielerisch noch längst nicht die Fortuna, die wir langfristig sehen wollen. Aber für einen Nachmittag war es wieder eine Fortuna, die man fühlen konnte.
Und manchmal beginnt genau damit etwas.
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